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Herr Houellebecq, so läuft das nicht

Anmerkungen zum Roman Unterwerfung.


Houellebecq, Michel: Unterwerfung. Roman. Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek (Soumission, 2015)

DuMont 2015

Rezensiert von: Ingrid Thurner


Allahs Herrschaft über das Abendland – der Roman um eine muslimisch dominierte Politik in einem europäischen Land scheint göttlich inspiriert. Aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail.

 

Nehmen wir einmal an, dass ein europäisches Land dermaßen viele Flüchtlinge aus den Kriegen des Nahen und Mittleren Ostens aufnimmt, dass bei einer Wahl in naher Zukunft eine muslimisch ausgerichtete Partei stimmenstärker ist als die rechtsgerichteten.

 

Nehmen wir an, dass die Partei „Muslim-Bruderschaft“ den Präsidenten stellt. Saudische Prinzen werden die wichtigsten Unterstützer und Geldgeber der neuen Amtsträger – im Roman. Für ein solches Szenario muss sich vorher noch einiges ändern im Nahen Osten, bisher nämlich ist Saudi-Arabien ein erklärter Gegner aller Muslimbrüder. Mit saudischem Know-how und saudischen Milliarden wurde in Ägypten in der Gegenrevolution 2013 der demokratisch gewählte Präsident Muhammad Mursi gestürzt. Wieso sollte also nun – oder 2022, der Spielzeit des Romans – Saudi-Arabien der Bruderschaft zu Hilfe eilen? Bei den derzeitigen politischen Kräfteverhältnissen und Allianzen würde Riad einer derart aufgestellten Regierung in einer wichtigen europäischen Hauptstadt weniger ideologischen Beistand und Financiers, sondern gegebenenfalls Waffen und Soldaten schicken, um sie wieder zu beseitigen. Ausschlaggebend dafür wären weniger theologische Differenzen als konkurrierende Machtinteressen.

 

Nehmen wir an, eine muslimisch ausgerichtete Partei stellt in einem europäischen Land das Staatsoberhaupt oder den Ministerpräsidenten. Auf der Agenda steht zunächst einmal Erziehung. Es wäre durchaus sinnvoll, dass die neuen Machthaber sich rasch der alten Universitäten bemächtigen, schließlich werden Bürger in den staatlichen Bildungsinstitutionen geformt, das ist auch in lupenrein säkularen Demokratien nicht anders.

 

Aber wohin verschwinden von heute auf morgen – oder vielleicht von heute in ein paar Wochen – die Frauen? Derzeit sind an den geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten Männer eine bedrohte Spezies, die speziell geschützt werden muss, sonst stirbt sie aus. Im Roman glänzen Frauen bei universitären Empfängen plötzlich nur noch durch Abwesenheit. Hohe Herdprämien halten sie fern. Kann es geschehen, dass die weiblichen Arbeitskräfte kurzfristig und kampflos aus dem öffentlichen Leben zurück in die Küchen verschwinden und die in den letzten hundert und etwas mehr Jahren erkämpften Pflichten sang- und klanglos wieder den Männern aufbürden? Wenn dem so wäre, hieße das doch wohl, dass dieser Weg ein Irrweg war.

 

Durch die Gänge und Hörsäle an der Universität und durch den Roman geistern ab sofort bloß noch ein paar verschüchterte Schleierträgerinnen, die keine eigenen Gedanken äußern. Dergleichen Zustände aus dem 19. Jahrhundert mögen einem Mann, dem Frauen die Karriere verstellen, schon attraktiv erscheinen. Aber es ist ja nichts Neues, dass die Weiblichkeitsbilder der Rechts-Konservativen und der Islamisch-Konservativen einander ähneln – hie wie da sind es Wunschbilder.

 

Niemand vom Romanpersonal tritt ein für Rechte- und Chancengleichheit, es triumphiert der Zyniker Houellebecq. Dass Feministinnen sich nicht erheben werden bei solchen Vorgaben ist gegenwärtig undenkbar. Eher würde sich das Land weiter polarisieren, würden – teils von Männern geführte – Kämpfe um Textilien toben, wie sie jetzt auch schon in arabischsprachigen Ländern ausgetragen werden, hie Niqab und Ganzkörperverhüllung, dort Minirock, Dekolletee und durchscheinende Stoffe. Auch auf anderen Ebenen wäre sehr viel plausibler, dass Gegensätze aufbrechen, hie die muslimischen Amtsträger, dort jene, die den laizistischen Staat verteidigen und Religion in die Privatsphäre verbannt haben wollen.

 

Außerdem hat Herr Houellebecq bei der Polygamie eine Kleinigkeit missverstanden. So läuft das nicht. Ein Ehemann muss seine Ehefrauen alle gleich behandeln, das wird zwar einmal ganz am Ende kurz erwähnt, aber die Fantasien gaukeln in eine andere Richtung, bestimmen die Alte für die Küche, die Minderjährige für das Schlafzimmer. Aber nein, es ist ganz anders.

Beide stehen in ihren Küchen, und in den Schlafzimmern bemüht sich der Herr im täglichen Wechsel, in der Reihenfolge der Eheschließungen und in absoluter Regelmäßigkeit, von ihm selbst nicht beeinflussbar – so ist es vorgeschrieben. Die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi nennt das „Knappheit im Überfluss“.

 

Das neue Regime bietet Karrieremöglichkeiten, Geld und ein geregeltes Sexualleben, einzige Bedingung: Konversion. Wichtige Professoren an den Universitäten werden gefügig gemacht durch das Gewähren dreifacher Gehälter und dreier Ehefrauen. Dem übersexualisierten Protagonisten verspricht das dreifache Lust und eine Vertreibung der Einsamkeit. Aber da hat Houellebecq schlampig recherchiert und sich nicht ausreichend über die soziale Praxis informiert oder die Macho-Fantasien sind mit ihm durchgegangen. Er übersieht zum einen die Pflichten, die mit den Rechten einhergehen, zum anderen die Eifersüchteleien, Intrigen und Machtkämpfe, die bei solchen Arrangements den Haussegen in Schieflage versetzen können.

 

Immerhin ist nicht auszuschließen – und gängige Praxis – dass die Ehefrau mit den älteren Rechten aufgrund einer lukrativen finanziellen Abmachung und ökonomischer Absicherung auf Lebenszeit auf die sozialen und sexuellen Dienste eines ungeliebten Angetrauten verzichtet. Solche Übereinkünfte gibt es in Saudi-Arabien zuhauf, erste Ehefrauen begeben sich in goldene Käfige, deren Türen zeitweilig offen stehen, und für solche Gelegenheiten haben sie geheime Handys, den Rest halten sie ebenso geheim.

 

Abgesehen davon ist den muslimischen Mittelschichten der meisten Länder Polygynie kein Anliegen und kein Problem. Sie gilt vielen, nicht nur Gebildeten und Aufstiegswilligen, als altmodisch und obsolet, etwas für alte Männer in rückständigen Dörfern, und unfinanzierbar ist sie sowieso. Das Recht von Männern auf vier Ehefrauen scheint häufig mehr ein westliches Thema als ein muslimisches. Allerorts gelten religiöse und gesetzliche Beschränkungen der Polygynie, entweder ist sie abgeschafft (Türkei, Tunesien), bedarf der Zustimmung vorhandener Ehefrauen (Iran, Marokko, Algerien, Libyen, Pakistan) oder die erste Ehefrau kann auf Scheidung bestehen im Falle einer zweiten Heirat (Ägypten). Kommt einer auf die Idee, sich eine zweite Frau zu nehmen, beginnt unverzüglich die gesamte Verwandtschaft, männlich und weiblich, ihn zu bearbeiten und erkundigt sich, ob er verrückt geworden sei. In den meisten Ländern liegen die Prozentzahlen polygam lebender Männer im einstelligen Bereich, am häufigsten sind sie in Saudi-Arabien und den Emiraten, wo mittels Vielehe Reichtum demonstriert wird. Polygynie ist nicht etwas, das die breiten Massen tangiert, sie ist im Wesentlichen für die Reichen und die Bildungsfernen.

 

Und nun soll gerade so ein intellektueller, gebildeter, charismatischer Präsident wie der Houellebecqsche auf die Polygamie verfallen? Der Autor ist eben kein Muslim, aber er weiß, wie man literarische Skandale produziert, wie man Sex mit Vorurteilen mischt, um der Sensationsgier von Lesern, Käufern und Kritikern entgegenzukommen.

 

Natürlich landet der Finger zielsicher auf einigen wunden Stellen demokratischer Werte-Gesellschaften, so auch wenn der Handlungsablauf die Bedeutung der Liebesheirat herunterspielt. Im Houellebecqschen Universum werden die Frauen – genauer: Studentinnen – durch Kupplerinnen zugeführt. Damit greift er das Thema der freien Partnerwahl auf, diese hochgeschätzte Errungenschaft im Persönlichkeitsrecht, die als Voraussetzung einer gelungenen Ehe weithin überschätzt wird. Im Übrigen ist sie ethnologisch betrachtet eine Ausnahmeerscheinung, beschränkt auf Industrienationen westlich-liberaler Prägung und auf die letzten hundert Jahre.

 

Arrangierte Verbindungen, die nach sozialen Kriterien von Familienmitgliedern gestiftet werden (etwa in islamischen und afrikanischen Gesellschaften), sind langfristig und global betrachtet nicht unglücklicher als so genannte Liebesehen. Das ist nicht mit Zwang zu verwechseln, es geht um Vermittlung. Einen Sohn oder eine Tochter zu einer Heirat zu zwingen ist im Islam ein Verbrechen. Man könnte umgekehrt die Frage stellen, warum ausgerechnet in jenen Ländern, in denen fast ausschließlich aus romantischen Erwägungen und wechselseitiger Zuneigung geheiratet wird, die Scheidungsraten am höchsten sind.

 

Eine weitere Kleinigkeit, der im Roman die falsche Behandlung zuteil wird, ist der Alkohol. Er fließt nämlich allerorts in Strömen, in großer Artenvielfalt und in besten Qualitäten – er ist wohl unverzichtbar in einer Houellebecqschen Weltordnung. Wein und Schnaps wären aber bei der vorliegenden Fiktion, so sie einigermaßen Anspruch auf Realitätsnähe erhöbe, das Erste, das abgeschafft würde. Kein Alkohol ist das Sine-qua-non des frommen Muslim-Seins. Für praktizierende Gläubige gilt als Minimalanforderung, die vorgeschriebenen Gebete zu verrichten und keine Rauschmittel zu benötigen. Bei allen Differenzen zwischen den verschiedenen Richtungen der Religion: darüber herrscht Konsens. Wer Alkohol konsumiert, ist – je nach Auslegung und Einstellung – nicht praktizierend, ein schlechter Muslim, kein richtiger Muslim, kein Muslim. Wer sich als tugendhafter Mensch gebärdet und dennoch dem Alkohol zuspricht, dem wird von den Anderen nicht als Gläubiger Respekt gezollt, sondern als Heuchler Verachtung.

 

Dabei wäre das Nicht-Ausschenken im öffentlichen Bereich relativ einfach per Verordnung zu bewerkstelligen. Das ist eher vorstellbar und schneller durchzusetzen als Polygynie, der Rückzug von Frauen aus den öffentlichen Räumen und von den Arbeitsplätzen und Konversion von Intellektuellen, seien die Gegenleistungen auch noch so attraktiv.

 

So beschränkt sich das Tableau des neuen politischen Systems im Wesentlichen auf die Lösung der Frauenfrage, deutlich ein persönliches Problem des Anti-Helden – oder des Autors. Islam wird auf ein paar gängige und bis zum Überdruss bekannte Stereotypien reduziert (Schleier, Polygamie, Frauen ins Haus, Männer an die Herrschaft), der fehlende Erkenntnisgewinn wird verdeckt durch das Überraschungsmoment.

 

Nehmen wir an, dass in einem europäischen Land eine deklariert muslimische Partei bei einem Urnengang die stimmenstärkste wird. Dabei muss man weiters annehmen, dass keineswegs alle Muslime diese Partei wählen würden, insbesondere nicht die säkular, laizistisch und links Orientierten, die politisch und/oder religiös Uninteressierten und auch nicht die, die anderen Strömungen oder Rechtsschulen anhängen. Es muss demnach eine Anzahl an nicht-muslimischen Sympathisanten, Gesinnungstätern und Protestwählern geben, die für die neue Partei gestimmt haben. Bei Houellebecq sind es anfänglich nur Identitäre, die konvertieren, von rechts Außen zum Islam, und sie tun es teils aus Karrieregründen, teils aus Überzeugung: Die Rechten als Schläfer und verkappte Muslime – diese Pikanterie ist bislang nur Houellebecq eingefallen.

 

 

Houellebecq, Michel: Unterwerfung. Roman. Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek (Soumission, 2015). DuMont, Köln 2015, 271 Seiten.