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dirk werner | Kunst, nicht Kunstmarkt

Die Bedeutung von Kunst im Spiegel der Wirklichkeit.

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Wenn ich über Kunst schreibe, denke ich zunächst nicht an die Produkte kreativer Tätigkeit. Das Künstlerische besteht für mich vor allem in der Art, wie ein Mensch die Welt anschaut. In welches Verhältnis er sich dann zu ihr stellt, bewusst oder unbewusst. Zudem besteht für mich Kunst im Vermögen, eine im weitesten Sinne eigene Sprache zu sprechen. Eine eigene Sprache in dem Sinn, als dass sie den, der sie erfindet, der sie sich und anderen als Möglichkeit eröffnet, näher an sich selbst – und damit in einem bestimmten Maße näher an die „Welt“ – heranführt, als das ihm mit jeder anderen Sprache gelänge, welche bislang zur Verfügung steht. Wobei ich hier mit „Sprache“ jegliche Art des Ausdrucks und Mitteilens meine – Bilder, Symbole, Gestik, Töne und dergleichen mehr.

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Wir alle sind Autodidakten, nein, schlimmer noch, dilletieren (so würde es Thomas Bernhard vielleicht sagen) in den meisten Angelegenheiten, zu denen wir, oft vehement, eine Meinung vertreten. Als Autodidakt in der Kunst aber lernt man vieles, das einem allein der Zufall im Laufe der Jahrzehnte in die Hände spielt. Er ist ein wahrhaft großer Lehrer, bietet jedoch mitunter von Vielem bis sehr Vielem: überaus wenig. So jedenfalls auf den ersten Blick. Fragmente nur, Bruchstücke, die mir aber nicht selten wunderbarer vorkommen als eine Ganzheit, ein in sich Geschlossenes. Und: pars pro toto.

 

Vor dem Lehrer Zufall musste ich niemals eine Prüfung ablegen. Das heißt, ich erinnere mich der künstlerischen Dinge und Fragen, deren Bekanntschaft ich machte, später zumeist eben bloß für mich selbst. Für den aktuellen Stand der eigenen Tätigkeit oder, eher noch, für zukünftige, gerade beginnende Projekte. Aber eben weil einem der Lehrer Zufall großzügig zuspielt, will man sich erinnern können, möglichst viel des Reichtums, den man zufällig erlangt, behalten. Die Bälle, die mir dieser Spieler herz- und hirngenau zupasste (so kommt es mir oft vor), sie: ordnen sich zu- und miteinander in einem System. So manches geglückte Zuspiel ändert und erneuert das allmählich An- und Zusammengewachsene im Selbstlernenden. In ihm wächst es nur scheinbar wild. Es strukturiert sich dennoch. Nach dem Prinzip: Was passt, wird eingebaut; was nicht, reißt der Zeitstrom früher oder später mit sich wieder fort. – Womit wir in diesem kurzen Absatz auch schon den Unterschied von Meinung und Haltung angedeutet haben.

 

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