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Minimalismus per se

Fritz Widhalm hat im Winter 2014 still und heimlich die letzte Ausgabe der Zeitschrift "Wohnzimmer" ausgeschickt. 25 Jahre lang hat die "Zeitschrift für unbrauchbare Texte und Bilder" die österreichische Literaturlandschaft mit Text- und Bild-Montagen dadaisiert. Jetzt ist Schluss damit. Widhalm erklärt im E-Mail-Interview, warum.


Fritz Widhalm: Wohnzimmer

Rezensiert von: werner schandor


Wie lange hast du die Wohnzimmer-Zeitschrift gemacht und aus welchem Impuls heraus hattest du sie gegründet?

das erste wohnzimmer ist 1990 eingerichtet worden, also warens insgesamt 25 jahre zeitschriftmachen. impuls, hm, wir haben 1986 mit dem verlag das fröhliche wohnzimmer begonnen, anfangs waren immer mehrere personen in die bücher involviert, dann haben wir mehr auf einzelbände fokusiert und es blieben einfach die kürzeren texte auf der strecke oder, besser gesagt, bei uns herumliegen, naja, und dann waren wir auch in ein internationales mail-art-netz involviert, wo auch immer sachen, collagen, bilder, sachen eben, bei uns landeten, ja, und da war es dann naheliegend, daraus eine zeitschrift zu basteln. ich sehe ja jedes heft als eine art gesamtcollage - oder eben ein wohnzimmer, das jedesmal neu eingerichtet wird. habe versucht, den platz immer voll zu nützen, also, das wohnzimmer vollzustellen, voll-voller-am vollsten.


Ist die Welt jetzt weniger Dada?

hm, weiß nicht, die dosis, die wir zur verbesserung der welt beitragen, ist ja eher homöopathisch, also so schlimm wird der verlust schon nicht sein. obwohl homöopathische wirksamkeit ja quasi minimalismus per se ist. außerdem machen wir ja auch weiterhin einiges, verlag, verwicklungsroman, comics, filmrevue (auf okto-tv), museum, galerie etc. etc. oder gegen die pegida demonstrieren gehen. ja, wir sind ja auch ganz ohne zeitschrift weiterhin durchaus lebendig.

 

 

Warst du je Leser vom „Wespennest“, der „Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder“?

nein, so richtiger wespennest-leser war ich nie – und bin ich auch jetzt nicht. obwohl ich sicherlich so einige nummern gelesen hab. literarisch wars nicht so recht meine richtung, war zwar politisch okay, aber halt doch sehr brauchbar, haha. ich kam ja doch eher von dada, surrealismus, situationistische internationale, beatniks (burroughs) etc., hab da viel gelesen und gesammelt – ja, und da kam mir das wespennest schon immer sehr brav daher. und politisch waren mir dann auch zeitschriften wie die arena zeitung, die zb oder später das tatblatt näher. die erste literaturzeitschrift, die ich kaufte, als ich 1976 nach wien kam, war das freibord. später dann solande von hansjörg zauner oder um von christine huber und junki wehrmann, naja, mit denen haben wir ja auch in den wohnzimmeranfangsjahren recht eng zusammengearbeitet.

 

Wie viele Seiten „Wohnzimmer“-Zeitschrift hast du der Menschheit vermacht?

na ja, es gab 50 nummern (mit der 0 nummer also 51) und sicherlich so 15 sondernummern, müssen wohl zwischen 2500 bis 3000 seiten gewesen sein, die ich in 25 jahren montiert habe. anfangs habe ich die ja noch ausgeschnitten und zusammengeklebt, yeah, und irgendwann kam dann das einscannen und am computer montieren. naja, und dann gabs noch 1-blatt-beilagen, einmal eine single und ein paarmal 1 cd als beilage – hm – denke das wohnzimmer war unserem leben sehr nahe.

 

Gab es so etwas wie ein Highlight, eine „gelungenste“ Ausgabe? Und wodurch zeichnete die sich aus?

highlight ist schwierig. naja, sagen wir mal die nummer 35, da ist 'das fröhliche gästezimmer' zum thema 'konrad' drinnen. 19 seiten hin-und-her wer oder was konrad berger ist. von konrad berger waren ja vier gedichtbändchen der zeitschrift wohnzimmer beigelegt - ja, und da haben dann einige gesagt, der konrad berger ist doch der fritz selbst - undsoweiter undsofort. ja, da gabs dann in unserem homepage-gästebuch eine lustige diskussion von vielen vielen konrad bergers, aber auch ein karl berger, eine marie berger oder ein konrad maria berger mischten sich in die diskussion: oh, oh. war super. ich hab das ganze dann abgedruckt, haha, böse zungen haben dann überhaupt behauptet ich und ilse [Ilse Kilic, Partnerin von Fritz Widhalm; Anm. d. Red.] haben das ganze selbst geschrieben, was natürlich nicht stimmt. leider mussten wir das gästebuch dann bald aus dem netz nehmen, da es von werbeidioten zugemüllt wurde. schade drum. dann gabs die nummer 9, da waren jemand zuviele nackte männer drinnen, also jemand fühlte sich von den paar schwänzchen gestört, ich hab ihm dann in der nummer 10 extra ein nacktes männlein ohne sichtbares schwänzchen gezeichnet, danach wurden wir gute freunde und er hat des öfteren etwas fürs wohnzimmer abgegeben. huch, das sind eher lustige ereignisse als highlights, aber immerhin.

 

Der größte Misserfolg?

misserfolg gabs eigentlich keinen. was sollte ein misserfolg bei einer zeitschrift auch sein. naja, vielleicht, dass ich nie genug kunst von frauen bekam. es war irgendwie immer ein männerüberhang, obwohl ich immer wieder versuchte, mehr frauen ins wohnzimmer zu holen. bei den büchern ist uns das bisher ganz gut gelungen, bei der zeitschrift ist es nie wirklich geglückt.

 

Frage an den Zeitschriftensportler: Wie fühlst du dich nach dem Rennen?

gut. hab mich aber auch die 25 jahre mit zeitschrift ganz fröhlich gefühlt. habe das zusammenstellen der wohnzimmercollage, also das einrichten des wohnzimmers, immer als teil meiner künstlerischen beschäftigung betrachtet – yeah, und kunst macht doch fröhlich, oder?

 

Was machst du jetzt mit deinen unzähligen Ideen? Und wo wirst du künftig deine Samisdat-Druckwerke und CDs beilegen?

ich geh mit meinen ideen ins caféhaus kaffee trinken, haha. in unserem 'glücksschweinmuseum und wohnzimmergalerie' kann ich die klein-großen werke direkt an mann frau weitergeben, ist ganz unterhaltsam. außerdem habe ich jetzt mehr zeit, schweine- und andere -bilder fürs wohnzimmermuseum zu malen - tut auch ganz gut. ja, und dann schreib ich jetzt für unsere homepage meine 'i wanna be a cowboys sweetheart'-liste - über songs, macht viel freude.

 

Was war der Beweggrund, nach 50 Heft aufzuhören? (Zahlenmagie? Oder hat dir das Red Bull Mediahouse ein unwiderstehliches Angebot gemacht, weil ihnen noch ein Extrem-Literaturtitel fehlt?)

da gabs eigentlich keinen beweggrund. die zeitschrift war von anfang an auf 50 nummern beschränkt. 25 jahre sind ja eine unglaublich lange zeit, yeah, und jetzt sind sie eben vorbei. ab und zu muss etwas verschwinden und platz für neues machen. ich bin kein freund von ewig und immer weiter-, weiter-, weitermachen. nächstes jahr werde ich 60.

 

 

 

Die Fragen stellte Werner Schandor