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krimhild pöse | Punk

And how to live it … or what?

Ich möchte so besoffen sein, dass ich alles nicht mehr seh‘ (Rio Reiser)

 

Eine Freundin von mir bekannte sich neulich dazu, dass sie ein Punk sei. Das geschah während einer durch Alkohol schon etwas fortgeschrittenen Debatte. Den Inhalt der Debatte habe ich (in Folge des Alkohols) leider vergessen. Zurück blieb das Bekenntnis meiner Freundin. Nun sind wir (die Freundin und ich) ja schon in die Jahre gekommen. Wir stehen an der Schwelle zum Silver Surfer – wie man inzwischen aktive Alte nennt: Zenn-Lavianer, die zufrieden auf dem Planeten Zenn-La im Deneb-System  leben. Der Silver Surfer hieß Galactus und war ein Planetenfresser! Gibt es ein schöneres Bild für die Alten?

Wir sind natürlich alles andere als zufrieden. Unser Surfbrett ist defekt. Eher sind wir eben „faulendes Holz “ und werden allmählich aussortiert, gehen verloren im ubiquitären Jugendkult dieser von lemurenhaften Jungbrunnen-Junkies im Geld schwimmenden fast-post-apokalyptischen Elite-Idiosynkrasien.

Was also ist Punk eigentlich? Abgesehen von guter und sehr schlechter Musik? Wieso kleiden sich diese Menschen absichtlich schlecht? Wieso weigern sie sich, ihren Protest zu organisieren? Wieso sind sie Kult? Und wieso sind sie inzwischen lächerlich. Und wieso ist gerade ihre Lächerlichkeit Punk? Im allgemeinen Inklusions-Wahn unserer modernen Industriegesellschaft weigert sich eine kleine Gruppe schlecht gekleideter und absurd geschminkter Menschen, als ein Teil der Welt gesehen zu werden. Und doch sind sie Teil dieser Welt! Das ist verwirrend. Denn: “My lord, she may be a punk; for many of them are neither maid, widow, nor wife.” Das ist doch sowas von in der Welt!

War Shakespeare der erste Punk? Natürlich! War Bakunin ein Punk? Aber sicher! Punk? Das ist eine Metapher für alles, was an der Schwelle steht. Egal an welcher! Faust war ein Punk. Nostradamus war ein Punk. Einstein war ein Punk. Vielleicht sogar J.F. Kennedy. Hintergrund ist dabei immer ein Individuum, das sich das Denken nicht vorschreiben lässt. Höchste Individualität. Individualität lässt sich aber nicht einfach setzen. Daher sind die meisten Punks schlicht nur Mitläufer – egal, wie originell sie sich dabei schminken. Andere Punks sind Mitläufer im körperlichen – egal wie originell sie denken. Ein kompletter Punk müsste in allen Bereichen originell sein und sich von allen anderen unterscheiden. Und er müsste darin zum Ausdruck bringen, dass es nicht den geringsten Anhaltspunkt für ihn gibt, nicht eine einzige Schublade. Die Exkludierten passen in keine Schublade! Das ist Unordnung im dramatischen Sinne. Es ist Chaos! Und schon Goethe sagte: Lieber Unrecht, als Unordnung. Im Zwiespalt von freier Poesie und staatsmännischer Eitelkeit hat sich Goethe zum Freizeit-Punk gemausert. Und als sein Freund Schiller starb, gab es nicht einmal mehr ästhetische Regeln für den Mann aus Weimar. Es gab nur noch den Status. Echte Profi-Punks wie zum Beispiel Diogenes verzichten auch auf Status. Das verschafft ihnen dann einen Status! Das ist schon wieder verwirrend. Exkludiere dich wie du willst. Die Welt nimmt dich in ihre Arme und findet eine Nische. Nur die, die wirklich aussterben, die sind echte Punks, eben „faulendes Holz“. 

 

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