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bernhard horwatitsch | Realität und Virtualität

Binge-watching statt Burn-out

Der wesentliche Unterschied zwischen Spiel und Arbeit ist: Arbeit kann Spaß machen, Spiel muss Spaß machen. Kunst dagegen ist freudvolle Arbeit, an deren Ende das Werk steht. Allerdings hat sich in der modernen postheroischen Gesellschaft inzwischen ein neues Mandat entwickelt. Auch meine Arbeit muss mir Spaß machen. Und wenn mir meine Arbeit keinen Spaß macht, dann leide ich unter einem Burnout. Burnout heißt eigentlich Brennschluss. Das kommt aus der Raketentechnik. Wenn bei einer Rakete der Treibstoff aus ist, wird sie naturgemäß abgeschaltet, es ist ja auch dann der optimale Punkt der Aufstiegsbahn erreicht. Bei Feststoffraketen sind die Triebwerke jedoch nicht abstellbar. Sie brennen so lange, bis der Treibstoff verbraucht ist, jedoch nimmt in den letzten Sekunden(-Bruchteilen) der Schub ab. Sie haben daher keinen exakten Brennschluss, sondern brennen aus. Dann werfen sie ihre Booster ab – Hilfsraketen, die dazu dienten beim Aufstieg mehr Schub zu haben.

Brennt man aus, wirft man auch einiges von sich ab, seine Freunde, seine Hobbys, am Ende sogar seine eigene Persönlichkeit (Depersonalisation). Lauter Booster, die zur Beschleunigung dienten. Schade um die Freunde, die irgendwo im pazifischen Ozean zwischen San Franzisco und Los Angeles landen und als Treibgut enden. Schade um die Persönlichkeit, die ja doch irgendwie zu einem gehörte, an die man sich gewöhnt hat, sich angewöhnt hat. 

Im Grunde aber gibt es dieses Erschöpfungs-Syndrom schon viel länger. Neurasthenie hieß das Burnout des Fin de Siècle. Auch um 1900 litten die Menschen an Gereiztheit und Erschöpfung. Und suchten Linderung in Tanz, Kuren, Müsli, Radeln und allerlei esoterischen Praktiken. Auf die Herausforderungen einer industriellen Revolution (ob Computer oder Eisenbahn) reagieren eben manche Menschen mit Erschöpfungssymptomen. Und mit Flucht aus der sie peinigenden Realität.

Die neue Herausforderung der schönen neuen Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts ist es also, dass Arbeit auch noch Spaß machen muss. Als ich selbst zuletzt an der Herausforderung scheiterte, dass es mir auch noch Spaß machen soll, alte, kranke Menschen zu pflegen, reagierte ich mit exzessivem Binge-watching (Komaglotzen). Statt wie Hugo von Hoffmannsthal in seinem Brief des Lord Chandos an Francis Bacon den Zerfall meiner Sprache und Ausdrucksmöglichkeiten zu beklagen, flüchtete ich einfach in eine Scheinwelt. Der dabei ausgelöste Stream führte bei mir zu einem Flow. Eigentlich beschreibt der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi dabei eine Art Rausch (Ilinx, eine Art Wirbel, eine Turbulenz), die zu dem psychopathologischen Zustand der Dissoziation führt. Der Flow (engl. fließen, rinnen, strömen) bedeutet das Gefühl des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit, auf Deutsch in etwa Schaffens- oder Tätigkeitsrausch, Funktionslust.  Meine Tätigkeit bestand darin, Scheinwelten zu konsumieren.

 

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