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bettina balàka | Schuhtick

Shop till you drop – oder lieber doch nicht?

Ich habe keinen Schuhtick.
 
Dies liegt nun nicht etwa daran, dass ich mir den Erwerb von vielen Schuhen gar nicht leisten kann, oder daran, dass ich nicht über den nötigen Platz verfüge, um einen Haufen Schuhe aufzubewahren, oder dass ich gar nicht die Zeit hätte, immer neue Schuhe einzukaufen, von ihnen Polaroidfotos zu machen, diese auf die Schuhschachteln zu kleben, die Schachteln zu beschriften und in einem Schuhhort zu organisieren.
 
Es liegt daran, dass ich so alt bin, dass ich mich noch daran erinnern kann, dass Frauen früher keinen Schuhtick hatten.
 
Das klingt nun aus heutiger Sicht so, als würde ich sagen, Frauen hätten früher keine zwei X-Chromosome gehabt oder keine Kinder bekommen, so selbstverständlich scheint der Schuhtick mittlerweile zur genetischen Ausstattung der Frau zu gehören. Und doch, ich schwöre, es ist wahr.
 
In meiner Kindheit hatten die Frauen keinen Schuhtick. Ich bin 1966 geboren, was bedeutet, dass sich meine Kindheit in den 1960ern und 1970ern abspielte, und das wiederum bedeutete, dass die erwachsenen Frauen zumeist noch im oder vor dem Krieg zur Welt gekommen waren. Natürlich war auch die Schuhindustrie noch nicht so weit, im großen Stil verschiedenartige Designs und extravagante Fetisch-Schuhe zu produzieren. Die Auswahl war deutlich geringer als heute, die Möglichkeiten schneller erschöpft. Es gab das Phänomen des Hortens, man hob Kleidung, Schuhe, Bindfäden und Gummiringe ewig auf, und das hatte wiederum mit dem Krieg und den Großmüttern zu tun, die gelernt hatten: bloß nichts wegwerfen. Man weiß nie, ob man es nicht noch einmal braucht. Dabei handelte es sich um etwas grundsätzlich anderes als das ständige Kaufen von Neuem, vielmehr wurde das Alte gelagert und aufbewahrt für die schlechten Zeiten, mit deren zyklischer Wiederkehr man rechnete.
 
Das Schuhwerk unserer Mütter wurde im Hinblick darauf gekauft, dass es auch in zehn Jahren noch modern sein sollte und mindestens ebenso lang halten musste. Abgenutzte Schuhe ließ man beim Schuster neu besohlen. Man besaß:
 
1 Paar schöne Schuhe mit Absatz für festliche Gelegenheiten,
1 Paar flache, dezente für den Alltag,
1 Paar Winterstiefel, und, war man besonders keck,
1 Paar Sandalen für den Sommer. Aus männlicher Sicht war das bereits exzessiv – Männer hatten oft genug nur ein Paar für alle Jahreszeiten und allenfalls Gummistiefel, wenn sie Bauern waren und im Stall arbeiten mussten.
 
Natürlich gab es Ausreißer wie meine Großtante Berti, die im Lignano-Urlaub über die Stränge schlug und satte fünf Paar italienischer (dies führte sie zu ihrer Rechtfertigung an) Schuhe erwarb, was Kopfschütteln im Verwandtenkreis und ein ernstes Gespräch mit ihrem Ehemann zur Folge hatte.
 
Als der philippinische Diktator Ferdinand Marcos 1986 abgesetzt wurde und man in den Gemächern seiner Gattin Imelda 15 Nerzmäntel, 71 Sonnenbrillen und über tausend Paar Schuhe entdeckte, ging ein Aufschrei durch die Weltöffentlichkeit. Tausend Paar Schuhe, und ehrlich – nur 15 Pelze und nur 71 Sonnenbrillen? Absoluter Pipifax für heutige Popstars, It-Girls und sonstige Fashion Victims. Mariah Carey beispielsweise besitzt nach eigener Aussage 10.000 Paar Schuhe.
 
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