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michael helming | Tänzchen in Aspik

Die zahlreichen Facetten des Spiels im Spiegel des Alltags.

Wenn alles vermeintlich Spiel ist, weil es auf irgendeine Weise kinderleicht-sorglos, eben „spielend“ funktioniert, dann fühlt sich irgendwann nichts im Leben mehr echt an. Spiel ist per Definition eine Simulation; da wird mit unbekümmerter „Spielfreude“ gewonnen und verloren, mitunter folgen- und daher auch gnadenlos vernichtet; derweil in der realen Welt das moralisch-ethische Prinzip „leben und leben lassen“ gelten sollte, aus menschlichem Mitfühlen heraus, denn die Wirklichkeit ist alles andere als Simulation, obwohl sie als solche vermittelt, weiterentwickelt und geradezu zelebriert wird. Der Alltag in westlichen Gesellschaften ist durchgamifiziert. Arbeits- und Lernerfolge werden mit Punktesystemen und Ranglisten bewertet. Jeder Teilnehmer soll Kampfgeist und Ellenbogen entwickeln, ganz nach oben streben, den Highscore knacken wollen. Daher werden Aufgaben wie Quests erledigt, nicht mit Blick auf die Gesamtsituation, nur die Grenze zum nächsten Level zählt. Das moderne Leben ist ein Quiz, ein gigantisches Preisausschreiben, ein Pokerabend, ein Massively Multiplayer Online Role-Playing Game. Vom Dienstplan über den Einkaufskorb bis zum Bankkonto hat alles da draußen einen sichtbaren Status; jeder Schritt und Fortschritt ist als Balken oder sonstwie graphischbunt darstellbar. Der einzige Unterschied zum wahren Spiel besteht darin, dass im Realltag die Konsequenzen spürbar echt sind, manchmal sogar existenzbedrohend. Doch wo selbst die Zeitachse, an der wir entlang leben, durch sogenannte Lebensplanung manipulierbar scheint – einzig der physische Tod hält sich als schlecht kalkulierbarer Faktor X – lassen sich real anstehende Folgen aufschieben, verdrängen; primär setzt die Wahrnehmung das Leben mit einer Spielsituation gleich, endlos voll von Chancen, die in Wirklichkeit nicht existieren oder zumindest streng limitiert sind. Solang das „Rien ne va plus“ nicht zu hören ist, wird weiterhin mitgehüpft, beim neoliberalen Gummitwist. Oder was wird da gespielt? Himmel & Hölle? Wenn wir beim Wort Roulette bleiben wollen, geht es zuweilen schon mal russisch zu. Was aussieht wie miteinander spielen, ist tatsächlich ein gigantisches Gegeneinander namens Wettbewerb. Teams sind keine festen Bünde wie Familien, sie sind lose Zweckbündnisse auf Zeit. Jeder kommt für sich seinem individuellen Ziel näher, indem er Mitspielern wie beim Malefiz Hindernisse vor die Nase setzt, die Gemeinschaft grob ab- und ausbremst, drosselt, blockiert. Dabei steckt im Spiel etymologisch eine graziöse Bewegung, nämlich der Tanz, vom althochdeutschen Wort „spil“. Dem entgegen fühlt das Spiel des Lebens sich zuweilen recht erstarrt an. Was einst brühwarm mit spieltypischen Situationen – quasi mit flüssigem Fun – aufgegossen wurde, erkaltete nach und nach, wurde gummiartig und zäh. Die spielerische Welt ist eine Welt in Aspik, und die Mitspieler sitzen fest in einem Block aus halbtransparenter Sülze. – Waren das zu viele Metaphern? Dann lassen wir doch endlich die Spielchen, verlassen wir den Spielplan und gehen rüber ins Feld des richtigen Lebens: mehr im Heft