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sarah g. foetschl | total langweilig > Game over

Privat? Öffentlich?

Heute war es kühl im Dschungel, nur 30 Grad. Da ich hier keine Zeitung bekomme, lese ich fast nur facebook. Es passiert nicht viel. Veronika schreibt wie immer, dass sie sich umbringen will, Thomas, dass er mir in die Muschi spritzen will, meine Mutter schreibt nicht, dass ich ihr Haus niemals wieder betreten darf, vermutlich hat sie meinen neuen Account noch nicht ausfindig gemacht. Das Meer ist fast ruhig. Neumond.

Gleich vorweg: Wenn ich hier „Ich“ schreibe, meine ich nicht „ich ich“, also jetzt nicht wirklich „mich ich“, also auch nicht „mein“ oder „mein Chatfreund in echt“, also so „wirklich“ – das sage ich gleich, denn wenn hier dann „Ich“ steht oder „mich“ und dann vielleicht noch so etwas wie „der Polizei“ oder „ich Ausland“ oder „das Rattengesicht“ oder „dem Suchtmittelorganisationszentralorgan im deepnet“ – also wenn ich jetzt „ich“ oder „mein Chatfreund“ schreibe, dann schreibt das natürlich ein „Autor“, nicht ich.

Und Mama, wenn du hier das Wort „ficken“ liest: Das hier ist ein Essai, eine theoretische Fiktion, eine Geschichte – nicht mein Tagebuch. Mein echtes Tagebuch liegt in einer Schachtel in deinem Haus irgendwo am Dachboden. Dort stehen die wirklich interessanten Sachen drin! (Anm.: Aufgrund weltweit fortschreitendem günstigem und fast uneingeschränktem Internetzugang kann meine Mama prinzipiell alles sehen, das ich publiziere, sie braucht nicht einmal mehr ein Abonnement eines Papier-Magazins oder eine Theaterkarte und das ist eigentlich eine Katastrophe. Sie kann von ihrer Küche aus per Laptop mithilfe weniger Klicks alles sehen.)

Trotzdem Mama, das hier ist alles nur ein Spiel! Auch die Facebook-Accounts, die ich in den letzten Jahren hatte, meine Facebook-Tagebücher: Das war ein Spiel! Das Spiel mit der Informationsgesellschaft, das Spiel gegen die Facebook-Programmierer, das Spiel mit und gegen Beta-Tester, das Spiel mit der Privatheit, das Spiel mit der Öffentlichkeit, das Spiel gegen die Privatheit, das Spiel gegen die Öffentlichkeit, das Spiel mit der Sprache gegen die Wirklichkeit, das Spiel mit der Wirklichkeit und wie die Sprache Wirklichkeit macht, Kybernetik – kurz: Dass du die Polizei geholt hast, weil du zwei Jahre lang meine Facebook-Tagebücher gelesen hast, war nicht fair! Ich hatte keine Drogen in meiner Wohnung, ich habe keine russischen Männer nachts auf der Straße verprügelt, ich habe mich nicht in Iowa, Parisdorf und Vagina in Russland aufgehalten, ich habe nicht Wodka flaschenweise getrunken und jede Woche zwei neue Liebhaber verschlissen, ich habe nicht Champagnerflaschen während einer Autofahrt auf faschistische Polizisten in Ungarn geworfen, habe mich nicht mit ihnen geprügelt und wurde auch nicht deswegen verhaftet, ich habe kein Krankenhaus im faschistischen Ungarn angezündet, weil es dort kein Bidet und kein Klopapier gibt und die medikamentös zugedröhnten Patienten im Bett festgebunden dort in ihrer eigenen Pisse liegen, ich habe auch nicht drei Jahre lang ohne zu schlafen auf Facebook programmiert und getextet, das sah nur so aus: wenn mehrere Leute in verschiedenen Zeitzonen auf dasselbe Profil zugreifen, können sie posten rund um die Uhr! Nur für dich sieht es so aus, als ob das alles ich war, Mama. Ich wäre sehr stolz, wenn das so gewesen wäre. Aber ich habe das alles nicht allein geschrieben. Dieses Spiel funktioniert nur, wenn viele Leute mitspielen.

 

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