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harald a. friedl | Über die Unmöglichkeit, kein Spiel zu spielen

Und die Freiheit, auch anders zu spielen

Die Niederschrift eines Satzes ist der Beginn eines Spiels, das ich „einen Essay schreiben“ nennen könnte. Das wiederum ist selbst ein Spielzug im größeren Spiel der Herausgabe einer schreibkraft-Nummer, das sich in einem weiteren Schritt als Spielzug des Meta-Spiels „Literaturbetrieb“ verstehen könnte. „Oberhalb“ dessen läuft ein noch komplexeres Spiel ab, das ich „Kulturproduktion“ nennen könnte, „Identitätsstiftung“ oder vielleicht auch „intellektuelle Gesellschaftswartung“. Denn ich könnte der Überzeugung sein, mein im Entstehen befindlicher Text würde, wenn er nur hinreichend gelingen werde, bei den Teilnehmern all dieser Spiele – bei Herausgeber, Lesern, Intellektuellen und Kulturschaffenden und schließlich bei der Gesellschaft – auf irgendeine Weise Gegenzüge bewirken.

Somit schreibe ich einen Satz als Teil eines „großen Spiels“, indem ich so tue, „als ob“ ich auf diese Weise einen Spielzug ausführte und damit aufs Schachspiel der Welt Einfluss nähme.

Vorausgesetzt, der Text wird gedruckt. Denn andernfalls würde sich dieser Text als Spielzug im Hinblick auf das „gemeinte“ Spiel, eben weil von demselben ausgeschlossen geblieben, rückwirkend als sinnlos erweisen.

War darum das Schreiben des Satzes in jeder Hinsicht sinnlos?

Das hängt vom Spiel ab, das ich auswähle. Solange ich das „Veröffentlichungsspiel“ spiele, bleibt der Sinn meines Schreibens – aus meiner Sicht – dem Spielzug Dritter unterworfen. Verändere ich jedoch mein Spiel durch die Einführung meiner eigenen Spielregel, indem ich jenen geschriebenen Satz umdefiniere zum ersten Spielzug eines eigenen, höchstpersönlichen Spiels, so verändert dies meine Herangehensweise – und damit die Spielsituation – schlagartig: Diesen Satz könnte ich zum Ausgangspunkt einer literarischen Expedition in die dunklen Abgründe meiner Vorstellungen vom menschlichen Sein bestimmen. Als Ziel könnte ich die Klärung meiner Auffassung von den Zusammenhänge zwischen scheinbar bestimmenden Elementen des Daseins wie „Verstehen“ und „Zuschreiben“, „Wissen“ und „Dafürhalten“, „Denken und „Handeln“ wählen. Durch diese Umdeutung des Ziels meines „Schreibspiels“ als „geistige Mitgestaltung der Gesellschaft“ hin zur „geistigen Weiterentwicklung meiner Selbst“ wäre folglich jedes persönliche Verlustrisiko gebannt, weil nunmehr der Spielgewinn in Form von neuen Einsichten jedenfalls eintreten würde, wann immer ich das „Schreibspiel“ spiele. 

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