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rosemarie pilz | Unheimlich komisch

Das Lustvolle in der Komödie.

Zur Sichtung des Films To Be or Not to Be von Ernst Lubitsch zog ich einmal eine alte VHS-Aufzeichnung heran, die handschriftlich ausgewiesen den Titel To Have and Have Not trug. Den richtigen Titel bei der Hand haben ist keine Kunst, aber mit etwas Falschen, einer Fälschung, oder eben einem falschen Titel etwas Wahres ansprechen, das vermag die Kunst der Komödie. Die Transformation des Titels, die der Film durch jemanden erfuhr, beschreibt, wie es um die Komödien-Darsteller im Film To Be or Not to Be speziell um den Hamlet-Darsteller Josef Tura steht: Entweder man hat es, oder man hat es nicht: das Zeug zum guten Schauspieler. Aber worin unterscheidet sich ein guter Schauspieler vom komödiantischen Schauspieler? Gegen Ende des Films wird einem der „Laiendarsteller“, der seit jeher auf eine große Rolle wartet, gleichzeitig aber auch auf „die Lacher“, die er hervorzurufen vermag („dann würden wir einen Lacher haben!“), eine Hauptrolle angeboten, jedoch nur im „realen“ Spiel mittels der Täuschung der Gegner, nicht auf der Theaterbühne, aber „auf der Bühne des Theaters“. Der Laienspieler wird darauf hingewiesen, dass er doch immer eine Hauptrolle spielen wollte und er antwortet: „Ja, aber was habe ich dabei zu tun?“ Das Komische hier liegt in der doppelten Auslegungsmöglichkeit, nicht nur was inhaltlich, also wer in der Hauptrolle verkörpert werden sollte, sondern, was man tun müsste, um eine Hauptrolle zu spielen. Louis Jouvet (1887-1951) schreibt über den Unterschied zwischen Schauspieler und Komödiant: „Der Schauspieler kann nur bestimmte Rollen spielen, die anderen verformt er, um sie seinem Wesen anzupassen. Der Komödiant dagegen kann jede Rolle spielen. [...] Die menschliche Anpassungsfähigkeit ist es, die – auf ein bestimmtes Ziel orientiert und entwickelt – den Berufskomödianten macht. [...] Der Schauspieler setzt sich an die Stelle der Figur, der Komödiant operiert mit klugem Einfühlungsvermögen.“

Bei Lubitsch wird die Figur des Joseph Tura, des „große Schauspielers“, übertrieben gefallsüchtig und eingebildet dargestellt. Die Einbildung in sein Können nährt er mit der Leidenschaft und glaubt das Publikum an ihn und seine Rolle zu fesseln. In der wichtigsten Szene in Hamlet jedoch muss die Souffleuse ihm die Zeilen „sein oder nicht sein“ zuflüstern, um nicht zu riskieren, dass er in der Zerstreuung seiner Ich-Zentrierung die bedeutendsten Worte des Stücks vergisst. Schließlich bringt er sie doch über die Lippen, jedoch in einem fast weinerlichen, ja jämmerlichen Tonfall, die seine Übersteigerung auf peinliche Weise zur Geltung bringt und genau in dieser Übersteigerung zeigt sich das Können eines Komödianten. Schon zu Beginn des Films kommt sie zum Tragen, wenn der Hitler-Schauspieler jammernd darauf besteht, tatsächlich so auszusehen wie Hitler: „Ich bin vielleicht ein Würstchen, aber ich weiß, dass ich aussehe wie er.“ Dieser Satz ist vor allem durch ein anderes, ähnliches Zitat der späteren Filmgeschichte in ein sehr komisches Licht gerückt: Der Filmzuschauer der 1990-er wird sich an dieser Stelle an Forrest Gump erinnern, der da auf die Tränendrüse drückt, wenn er sagt: „Ich bin kein kluger Mann, aber ich weiß, was Liebe ist.“ Die Sentimentalität in Forrest Gump ist ernst gemeint, wird aber gerne übersteigert wiedergegeben (viele Cineasten empfinden eine humorvolle Lust im übersteigerten Nachspielen oder Nachsprechen schwülstiger, sentimentaler und nostalgischer Filmdialoge). Mit sentimentaler Überzeugtheit und dem Zugeständnis zu seinem eigenen Würstchen-Dasein krönt sich der Komödiant in Lubitsch's Film, als er die Parodie eines Schauspielers jenseits des Startums, der sogenannten „ersten Charakter-Spieler“ gibt, der vielleicht einzig, aber zuletzt mit der äußerlichen Verkörperung punkten kann. Hier wird auch das Motiv der Täuschung von Original und Fälschung eingeführt. Der falsche Hitler sieht in den Augen des Regisseurs im Film nicht echt genug aus, bezieht sich dabei auf das Foto des Führers, das widerum vom Schauspieler gemacht worden ist. Der falsche Hitler versucht sich nun in der Öffentlichkeit zu beweisen. Hierbei wird er nur von einem kleinen Mädchen mit seinem eigentlichen Namen angesprochen. Eine Anspielung, dass vor allem Kinder (und Narren) nicht nur die Wahrheit sagen, sondern vor allem nicht an Vorgemachtes/Vorgegaukeltes „glauben“.

 

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