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Uta Hauthal | An der Elbe

Ein Spaziergang durch Dresden

Wie schon so oft in diesem Herbst 2015 ist es ein sonniger, warmer Tag, ich habe meinem Begleiter eine Stadtführung versprochen, wir haben viel Zeit, sein Flug geht erst gegen Abend. Am Hotel Bellevue vorbei erreichen wir den Elberadweg; ohne in-nezuhalten oder darüber zu reden, folgen wir diesem flussaufwärts, als sei das von Anfang an unser Plan gewesen.
Mein Weggefährte fragt mich nach den nächsten Schritten in der Musik und im Schreiben. So berichte ich von der Entstehung meiner Verschenkten Lieder, die ich Künstlerkollegen und Freunden gewidmet habe und deren Premiere unmittelbar be-vorsteht. Dann erwähne ich den Roman Garbald in Dresden, in dessen Handlung ich vor unserer Begegnung gerade wieder eingetaucht bin, ich entwerfe kurz die beiden Dresdner und die Schweizer Ebene und sofort erregt diese sein besonderes Interesse. Liegt es daran, dass mein Atem schneller geht, dass ich mehrfach stehenbleiben muss, weil ich auch mit Fuß und Knie und Schulter erzähle oder einfach an der Ge-schichte selbst – mein Begleiter jedenfalls stellt genaue Fragen nach dem Schicksal der Schriftstellerin Johanna Garbald aus Castasegna im Bergell. Er hat offensichtlich keine Schwierigkeiten, sich das kleine Dorf in der Schweiz vorzustellen, das Ringen von Johanna, als emanzipierte Frau und Schriftstellerin im 19. Jahrhundert wahrge-nommen zu werden, ihre Auseinandersetzungen mit dem einfachen Naturkinde, wäh-rend sie selbst bildungshungrig, belesen und doch auch kränklich ist; er empfindet mit ihr, als sie spät endlich das erhoffte Kind bekommt und leidet ihre Qualen, weil es gleich nach der Geburt stirbt. Er vollzieht das Wunder nach, das es für Johanna be-deutet, schließlich doch noch drei Kindern das Leben zu schenken, da ist sie bereits Anfang 40, und er hält mit ihr stolz die ersten Veröffentlichungen ihrer Erzählungen und Gedichte in der Zeitschrift Helvetia von Robert Weber, Zürich, in Händen. Ge-meinsam mit Johanna sucht er seine Heimat in der dörflichen Welt und spürt doch schmerzlich wie sie Abstand zu den Castasegniern in ihrem von steilen Bergen be-grenzten Tal.

Heimat – es ist das Stichwort. Bereits am Tag zuvor geht es in einer Diskussionsrun-de im Literaturhaus Villa Augustin darum, was Heimat eigentlich bedeutet und wie ein Gefühl von Zuhausesein entstehen kann. Die Teilnehmer einigen sich darauf, dass dies ein Prozess bleiben, eine immer neue Aneignung sein muss.

Wie geht es mir mit meiner Heimatstadt Dresden, in die ich in den 1990er Jahren zu-rückgekehrt bin?


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