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krimhild pöse | Deus sive natura oder: Eigentlich ist alles nicht der Rede wert

Wir haben getan, was wir immer schon getan haben.

Unser 21. Jahrhundert könnte man als Zeitalter der Störung, ja der Belästigung, der permanenten Emissionen bezeichnen. Wir werden zwar älter und immer älter. Aber wir brauchen diese Zeit auch, um all den Belästigungen Herr zu werden. Bis wir endlich Ruhe haben, sind wir ständig in Bewegung. Sogar im Schlaf pumpt unser Herz Blut, zucken unsere Muskeln, entwirft unser Gehirn Pläne. Dass wir am Morgen erfrischt aufwachen, ist eigentlich ein Wunder. Doch kaum sind wir wach sind wir uns auch noch ständig darüber im Klaren, dass wir wach sind. Wir werden also nicht nur nicht in Ruhe gelassen, sondern ständig wird uns diese Störung auch als Bewusstsein vorgehalten. Und selbst unser Ruhemodus im Gehirn, den die Neurowissenschaftler als Default Mode Network bezeichnen, ist ständig am machen. Ruhemodus ist ein Widerspruch in sich.
Vor 350 Jahren war es noch etwas ruhiger. Es gab kein Internet, kein Fernsehen, keine Autos. Wenn die Sonne unterging, war es tatsächlich dunkel. Und vielleicht liegt es daran, dass ein Mann in jener Zeit so etwas denken konnte, was ich nun im Exkurs ein wenig erläutern möchte. Aber auch schon damals war ein Mensch, der einfach nur in Ruhe gelassen werden wollte um in aller Ruhe seinen Gedanken nachzuhängen, für die anderen Menschen offensichtlich eine Bedrohung.

Der Exkurs

Gott ist nicht. Das gerade zeichnet ihn aus. Und gerade deshalb muss man Gott aus reiner Einsicht lieben. Diesen merkwürdigen Gedanken entwickelte ein zunehmend hustender Mann im Alter von 30 bis 40, während er Glas schliff in einer Mietwohnung an der Paviljoensgracht in Den Haag. Nun kann man sich vorstellen, dass ein Mann, der Glas schleift für hochwertige Mikroskope, den Durchblick hat. Und der Mann hatte auch die Zeit, nachzudenken. Man ließ ihn in Ruhe. Nicht freiwillig. Wann wird man in diesem Leben schon freiwillig in Ruhe gelassen? Nein. Die Gemeinde hatte ihn schon vor Jahren verbannt. Ach verbannt! Verflucht! Er hatte den Vornamen Benedictus und man verspottete ihn als Maledictus, als lichtscheuen Schreiber, als scheußliches Ungeheuer, als verblendeten Tropf und vieles mehr. Man verbot, sich diesem Mann zu nähern, mit ihm zu sprechen, seine Schriften zu lesen, mit ihm Geschäfte zu machen. Man ließ ihn in Ruhe um ihn zu bestrafen. Der Mann hat sich nie dagegen gewehrt, dem Bannspruch blieb er fern, seine Wohnung verließ er kaum und seine wenigen Schriften hat er anonym veröffentlicht oder gar nicht. Sie wurden dann zum großen Teil erst posthum herausgebracht und auch da noch lange unter Angabe falscher Namen und falscher Titel. Der Geächtete war bescheiden genug, um von seinem Geschäft des Glasschleifens überleben zu können. Kein böses Wort von ihm. In aller Ruhe dachte er nach, schliff Glas und lebte sein kurzes Leben, bis ihn die Schwindsucht im Alter von 44 Jahren dahinraffte. Der Mann war Materialist, aber ein so reiner Materialist, wie das Glas, das er schliff. So rein und glasklar war sein Materialismus, dass er schon wieder zum Mystiker wurde.

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