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Es entgeht der Zensur!

Petra Nachbaur verantwortet eine kleine, äußerst unterhaltsame Nacherzählung von Nabokovs Lolita.


Petra Nachbaur: Lele. Schundheft Nummer elf.

unartproduktion 2016

Rezensiert von: stefan schmitzer


Das Alleinstellungsmerkmal des Heftchens ist die völlige Aussparung der Vokale a, i und o (also die symbolische Tilgung des Namens „Lolita“) nicht nur im Text, sondern selbst noch in den Verlagshinweisen auf den letzten paar Seiten – „Echte Werbung“ steht dort drunter (muss natürlich drunterstehen, um den Unterschied zum Handlungsrahmen des fingierten Verlegerbriefs zu markieren, den Nachbaurs Arbeit von der Vorlage übernimmt), und dann:

Jede Nummer erbeten? Gerne! Summe schrumpft, denn: 100 Cent werden weggerechnet, wenn SCHUNDHEFT PERPETUUM per WWW bestellt (Suchfeld: „Schundheft“).

Womit Nachbaurs Verfahrensweise anschaulich gemacht wäre, ebenso wie die Effekte, die diese Verfahrensweise im Textfluss so zeitigt. Die künstlich eingeschränkte Sprache und die eleganten Verrenkungen, die aus dieser Einschränkung resultieren, sie erscheinen beim Lesen schnell „natürlich“ (was auch immer das heißt). Sprich: Im Gegensatz zu anderen Büchern, die von dieser Art von Formvorgabe ihre Hauptattraktion beziehen, ist Lele tatsächlich nicht nur zirkuskunststückmäßig lustig, sondern auch als Story, bzw. als Version einer Story, unkompliziert lesbar. Wenn wir das tun – Lele lesen, als wäre nicht bei jeder einzelnen sprachlichen Wendung mitzubeachten, dass sie sich (zumindest auch) dem a-i-o-Verbot verdankt – fällt erstens mal auf, dass die ganze erste Hälfte der Vorlage, die ganze Eheanbahnung zwischen Humbert und Lolitas Mutter, ersetzt ist durch ausführliche Briefe Lolitas aus dem Ferienlager an die Mutter (unterschrieben übrigens mit Varianten von „Gruß, Puppe“). Dies, wie auch das restliche Heftchen, natürlich nicht im Sinne naturalistischer oder psychologisierender Wiedergabe, sondern (ganz unabhängig von der gekünstelten Vokalarmut) völlig over-the-top. An entscheidender Stelle beginnt ein Brief:

Gute Mutter, kurz: Unschuld futsch. Peter durfte. Jule tut entsetzt, Trude murmelt: ‚Und? Tut es weh?‘

Diese Briefe, die immerhin knapp 30 von 53 Seitchen einnehmen, bestechen erstens dadurch, dass sie die Handlung ins einundzwanzigste Jahrhundert holen (oder unser Augenmerk doch zumindest auf alles das lenken, was an Ferienlagern für Heranwachsende zwischen den Jahrzehnten und Kulturen an Gruppendynamiken gleich bleibt), und zweitens dadurch, dass sie auch lustig sind, wenn man den Lolita-Stoff nur vom Hörensagen kennt: Hormonell zusehends geflutete Buben und Mädchen in einer unbestimmten Zeit, an einem unbestimmten Ort mit See, Aufsichtspersonen in unterschiedlichen Graden der Lächerlichkeit, und alles das dann geschildert mit Mitteln aus dem Sprachbastelbuch – so geht typologisches Textkabarett. Das trifft leider nicht zu auf den Rest von Nachbaurs Text. Der setzt voraus, dass wir die Handlung, die aufs Unterhaltsamste, aber ohne a, i und o nachvollzogen wird, halbwegs parat haben. Sonst wird das Timing zwischen dem letzten Brief an die (schon tote) Mutter, dem Bettelschreiben an Humbert drei Jahre später –

Hej Hubert, geht‘s gut? Ungebunden? Munteres Eheleben fruchtet: Schwere Kugel unterm Busen!

– und allem, was dann noch folgt, bis zur „Schlussbemerkung“ des „Verlegers“

Terence M. Trembler, Denver/Dresden/Bregenz

– unklar bleiben. Aber diese Unklarheit liegt in der Natur der Sache; es gibt Wikipedia, um ihr abzuhelfen; und sie tut dem Umstand keinen Abbruch, dass dieses „Schundheft“ lustig, lustig, lustig ist.