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harald a. friedl | Irrte Pascal?

Warum das Verlassen des Zimmers Entwälzung ermöglicht.

Das Paradies ist anderswo
Als Jugendlicher sei ich „pflegeleicht“ gewesen, weil ich häufig „brav“ in einem Eck gesessen und ein Buch gelesen oder gar ein Gedicht geschrieben hätte. Dieser Lebensstil hätte den Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal (1623-1663)begeistert, war er doch der Überzeugung, das ganze Unglück der Menschen rühre allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen. Demnach hätte ich der glücklichste Mensch sein müssen.

Mein äußerer Anschein trog. Hinter der Fassade gelassener Hingabe an erhebende Literatur brodelte es. Mein Geist klammerte sich an das Drahtseil meiner Verzweiflung über dem Abgrund der Welt, die mich zutiefst befremdete. Um mich schmiedeten sich vertraute Menschen durch eine endlose Kette von Zerwürfnissen aneinander, deren Beilegung unabsehbar, deren rituelle Wiederholung verlässliche Normalität war. Von der restlichen Welt berichteten Zeitungen über brutale Staatsgewalt in Südafrika, Bürgerkriege in Libanon und Angola,Terroranschläge in Berlin, München und Paris, Kriege in Afghanistan, Iran-Irak und Mozambique. Über allem drohte der tausendfache Overkill durch ein Meer von einsatzbereiten Atombomben … weshalb mich eine Frage bis an den Rand des Wahnsinns trieb: Warum spinnen die da draußen allesamt?

Ich liebte Bücher wie Stefan Zweigs Welt von Gestern, Nikos Kazantzakis Alexis Sorbas und Daniel Defoes Robinson Crusoe. Ich träumte von romantischen Zwiegesprächen mit bezaubernden Mädchen und von jenem Tag, da ich ein Segelboot besteigen und allein die Südsee befahren würde, damit sich die Welt von mir ungestört den Schädel einschlagen könne. Hauptsache, fort …


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