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Dominik Riedo | Kann man auf den Färöern Rennrad fahren?

Polyamorie: Schon auf der Hinfahrt quasselte sie mich voll. Das hätte mir Warnung genug sein sollen. Schon da erfuhr ich von Urs und Oli und Jonas (‹Joni›) und Manú (sie will ja als Ethnologin nicht alles ‹Kaukasier› haben) und Dani und vom ‹Mayor› (der 14‘000 Franken pro Monat verdiene beim Schweizer Militär) und auf der Fähre lernte sie gleich noch den Island-Reisenden Christian kennen, was mit weiteren Wortkaskaden verarbeitet werden musste.
Sie liebe halt alle Menschen. Sagte sie, und wickelte wie so oft ihr ‹Westafrikanisches Kopftuch› um ihre Haare. Immerhin gab‘s auf der Fähre ‹Radler›.

Am ersten Tag auf den Färöern traue ich mich einmal noch etwas zu sagen, eine Frage zu stellen, die nicht nur Interesse bekundend nachhakt oder auf sie antwortet: Ob man wohl auf den Färöern Rennrad fahren kann?
Sie sagt, ich meinte wohl: Kannst du auf den Färöern Rennvelo fahren? Sie meint es ernst.
Denn sie sagt tatsächlich schon zu Beginn ungefragt auch Sachen wie: Ich möchte unbedingt ein Kind mit meinem Freund. Aber ich verhüte.
Sie ist 34 Jahre alt.
Sie ist Beauftragte für Muhmuh in einem Urschweizer Halbkanton. Was ich mache, weiß sie bis heute nicht.

In der Hauptstadt der Färöer: Sie mag jene Postkarten, die älteren Engländerinnen ein überzuckertes ‹lovely› entlocken.
Und – sie will ja nicht Mainstream sein – sie stürzt sich sofort auf ‹alternativ› aussehende Cafés und Bars. Was auch immer das meint.
Das werde jetzt, sagt sie zum Beispiel nach etwa zehn Minuten in Tórshavn, und deutet wichtig auf ein Lokal, ihr Lieblingscafé hier.
Sie war noch gar nicht drin.
Und nach weiteren zwei bis drei Minuten hat sie unter den verschiedenen Clubs ebenfalls ihren Favoriten gefunden.

Trotzdem sagt sie, es sei ihr ganz wichtig, dass man in den Ferien ‹den Speed
rausnimmt›.
Dass das nicht zusammenpasst, interessiert sie nicht.
Auch nicht, dass ich ihre Bemerkung seltsam finde, sie wolle damit eben den
‹Vibe› der Stadt spüren. Der könnte auch ganz anders sein, als ‹unspeedig›.
Aber ich sei sowieso zu kritisch.

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