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Katja Johanna Eichler | Lebst du schon oder containerst du noch?

Gib deinem Leben mehr Entgrenzung!

Ich sorge mich sehr um die Integration der Menschen in unserem Land! Meine Sorgen drehen sich hierbei um eine bestimmte und sehr spezifische Gruppe von Menschen. Ihre Integration scheint schwierig bis aussichtslos: Sie sind jungen bis mittelhohen Alters, sie sind unabhängig und körperlich stark. Sie sind - ungemein viele. Sie treiben sich in den zentralen Bereichen unserer Länder und Städte herum und sind teilweise unberechenbar. Sie sind natürlich männlich, das hat nun schon jede/r Lesende längst geahnt. Die Medien sind schließlich voll mit Berichten über sie. Es ist jedoch ein mediales Gerücht, dass man sie insbesondere spät, aber auch schon sehr früh morgens an Bahnhöfen trifft. Sie sind hingegen zu jeder Tageszeit überall. Sie haben es längst erraten: Es geht um UMAS – „Unsere Männer Als Solche“ .
Verspätet besuchte ich in der letzten Woche das Willkommensfest in einer neuen Flüchtlingsunterkunft in meinem heimischen Stadtteil, der im Herzen einer größeren norddeutschen Stadt liegt: Das Fest war bereits im vollen Gange, am Rande wurde gegrillt, neu zugezogene Menschen saßen in Bierbänken, einige alteingesessene standen unschlüssig herum und versuchten, mit den neuen zu kommunizieren. In der Mitte wurde getanzt: Kinder und Frauen hatten schon, so wurde mir von einem mir bekannten Alteingesessenen berichtet, jetzt seien wohl die Männer dran. Schon irgendwie komisch, so der Berichterstatter weiter: Dürften denn die Frauen jetzt nicht mittanzen? „Dass die das so trennen. Ist schon anders. Echt strange“, sagte er und, dass da noch jede Menge Integrationsleistung notwendig sei. Ich stimmte spontan zu. Das sah ich genauso. „Willst du nicht mittanzen?“, fragte ich den Berichterstatter deshalb. Hintergrund: Mein Gesprächspartner war der Vater eines mir bekannten Kindes aus dem Stadtteilkindergarten, zudem Hausbesitzer in der direkten Nachbarschaft der Unterkunft. Man ist vernetzt, man kennt sich. Ich wusste, diese Frage war in diesem vertrauensvollen Rahmen ok. Der vertraute Berichterstatter schaute mich jedoch erschrocken an, heißt, seine Augen waren einen Tick weiter geöffnet als unbedingt nötig (ich stand ja direkt vor ihm) und ich sah die Röte in seine norddeutsche Wangenhaut schießen. Ich bemerkte auch, wie er kurz zur Männergruppe linste, die – Hand in Hand – ausgelassen vor sich hin tanzte. „Nee“, sagte er nur und schüttelte sich – mehr als für eine Antwort nötig gewesen wäre. Der Berichterstatter wurde erlöst durch einen weiteren Nachbarn, der sich zu uns gesellte. „Ach hey“, so der Berichterstatter spontan zu diesem, „woll’n wir ein Bierchen im Vorgarten trinken?“ Die beiden verschwanden sehr schnell. Schon komisch, dachte ich, dass die das so trennen. Dürften denn die Frauen jetzt nicht mittrinken? Echt strange und noch jede Menge Integrationsleistung notwendig.

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