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dominika meindl | Linke Demagogie statt Haustier-Kontemplation

Über Umwälzung und Krise im Medienbereich. Mit Lösung!

Umwälzungen sind per se nichts Schlechtes, au contraire. Schon alleine im Privatbereich: Wenig lindert die Zumutungen der postmodernden Existenz so augenblicklich wie das Betrachten eines sich wohlig wutzelnden Haustieres. Eine sich ins Tal wälzende Mure hat – aus sicherer Entfernung beobachtet – immerhin einen ästhetischen Mehrwert, wie Sie gerne bei Kant, Schiller oder Rilke nachgoogeln können. Aber bevor dieser Text nun wie ein mickriger Hangrutsch ihre Aufmerksamkeit (die weltwertvollste Ressource!) verschüttet, wollen wir zur Sache kommen. Zeitgenössische Umwälzungen bedrohen den kritischen und hochwertigen Journalismus.
Sind wir dumm? Oder die Medien? Unlängst durfte ich in Wels eine einschlägige Show moderieren, ihr Titel: „Kürzer denken, schneller berichten, nix erklären (Sybille Berg). Hysterie und Angstmache in den Medien.“ Eine Mure an Fragen ergoss sich über unseren Gast Robert Misik, den der Kurier kurz zuvor despektierlich als „Kerns linken Einflüsterer“ bezeichnet hatte. Wird die Welt wirklich immer schrecklicher? Machen uns die digitalen Medien hysterisch? Warum sind die Faschistoiden damit so geschickt? Wer betreibt die wahre Lügenpresse? Was tun gegen die Verschwörungstheoretiker? Dramatisieren JournalistInnen, um Auflagen, Quoten und Zugriffe zu steigern? Wie kommen wir aus der Empörungskultur?
Misik, der scherzhaft darauf bestand, fürderhin als „der Rasputin des Bundeskanzlers“ bezeichnet zu werden, entzog sich unserem Versuch, ihm die Rolle des moralinsauren Predigers aufzudrängen. Es sei einerseits gut, dass die Menschen nicht mehr alles glaubten, was Autoritäten ihnen vorschrüben. Andererseits sei es freilich eine sehr dumme Aufklärung, weil sie nun wiederum alles glauben. „Das ist eine Behauptung der Systempresse, ich habe hingegen im Internet gelesen, dass...“ – man fülle Beliebiges über Chemtrails, Caritas-Smartphones, Ostküstenjuden, Wahlkartenmanipulierer ein.
Das Internet hat uns alle zu individuellen Mikro-Verlegerinnen gemacht, dank dutzender Plattformen für Dutzendmeinungen. Wir erfahren Selbstwirksamkeit über Likes und Retweets. Qualitätskontrollen müssen wir nicht weiter fürchten. Bei Gegenwind berufen wir uns auf die freie Meinungsäußerung einer Privatperson. Aus dieser Quelle strömt Wasser auf die Mühlen der postfaktischen Postfaschisten. Strache, Hofer oder gar Trump erreichen per Facebook mehr „Leser“ als seriös arbeitende Medien. Deren Redakteure werden von den Anwälten der Populisten hingegen durch Sonne, Mond und Sterne geklagt, wenn auch nur der Hauch einer Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht besteht (die Autorin spricht aus mit knapper Not nicht schlagend gewordener Erfahrung). So viel zu den Spielräumen der „Lügenpresse“. Wenn die österreichischen Rechtspopulisten posten, Hartlauer verteile Smartphones an Flüchtlinge, droht ihnen: gar nichts. Nicht einmal der Verlust der Glaubwürdigkeit (greifen Sie einmal einem nackten Mann in die Tasche). Im Fall des Falles bedarf es keines Widerrufes, das Posting wird einfach sanglos gelöscht. Bei den Adepten bleibt's natürlich hängen. Nicht nur das: Strache oder Trump agieren als Speerspitze der postfaktischen Bewegung. Scheißegal, ob's wahr ist! Fuck the facts. Ein derart hemmungslose Schwätzer können aber nur so weit hinaufkommen, wenn die Medien so weit herunterkommen. Die stürzen sich auf jede Auslassung und bauschen sie mittels vorgetäuschter Empörung zum unfassbar irrelevanten Medienereignis hoch. Wie einst News dank vordergründig kritischer Haider-Covergeschichten dessen Sache vorantrieb.


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