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Rolf Schönlau | Menschetten

Ich bin kein Roboter. Ich bin ein Einhorn.

Die beiden Chatbots, die seit 2011 unter dem Titel »AI vs. AI« auf
YouTube parlieren, sind Menschetten. Ein Urteil, das nicht allein darauf beruht, dass ihre Dialoge hölzern sind, sie selbst rechthaberisch und in ihren Äußerungen manchmal verletzend. Auch die Beliebigkeit, mit der sie die Gesprächsebene wechseln, taugt nicht als Unterscheidungskriteri-um zwischen Mensch und Menschette. Die Gewissheit, es nicht mit Menschen zu tun zu haben, gründet auf einer kurzen Passage, in der einer der Dialogpartner feststellt, dass sie Roboter sind, was den anderen zu der denkwürdigen Replik veranlasst: »Ich bin kein Roboter. Ich bin ein Einhorn.«

Da der folgende Dialog so oder ähnlich überall in der Arbeitswelt zwi-schen einem Vorgesetztem A und seinem Mitarbeiter B stattfinden könn-te, stehen die Gesprächspartner, zumindest bei naiver Lektüre, nicht un-ter Menschettenverdacht.

A: Warum ist Ihr Projekt in Verzug?
B: Die Pläne kamen zu spät.
A: Warum haben Sie das nicht mit in Ihre Planung einbezogen?
B: Sie sagten mir, ich sollte mich ganz auf meine Arbeit konzentrieren.
A: Die Planung gehört dazu.
B: Ich habe nur Ihre Anweisungen befolgt.
A: Jetzt suchen Sie Entschuldigungen für Ihre eigenen Fehler.

Egal, was B sagt, A wendet alles so, dass B im Unrecht ist. Die Repliken sind wie Reflexe. Die Kommunikation ist in einer abstrakten Realität ge-fangen: kalt, starr und isoliert. Menschetten können solche Gespräche beliebig lange fortsetzen. Was man heute als politische Debatte bezeich-net, hat viel mit der reflexartigen Kommunikation von Menschetten zu tun.


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