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Adi Traar | Traumtänzerisches Liegegelage

Was man beim Lesen und Nichtverstehen von Essays beherzigen sollte und beim Umgang mit Neuen Medien sowieso.

Ich hätte es nicht tun sollen. Man darf ja auch keine garstigen Filme anschauen vorm Schlafengehen, hat man uns immer gesagt. Und warum habe ich nur diesen Gott-und-die-Welt-Essay im Bett vorm Einschlafen gelesen, von wegen gelesen, manchen Sätzen fünf Mal und öfters halblaut hinterherbuchstabiert, bis meinem Bewusstsein sogar der Automatismus der Wiederholung in die Träume ent-flutscht ist, die Augen machten die ganze Arbeit alleine, das flach-gelegte Hirn im Schlepptau, die Gehirnsäfte ausgeströmt, die Oh-rensäfte aus dem Gleichgewicht geraten, sinnenthobenes Lesen faktisch, und noch dazu: am vergeblichen Weg zum Erkenntnisge-winn begegnete mir ein schwacher Schimmer von minderbemittel-tem Geist, und der flüsterte mir ein, das sei doch alles nur zwangs-philosophisch verpanschter Powidl ¬–– und jetzt wälze ich mich bäuchlings von einer Körperkante auf die andere. Mir fehlt es an Mitte, würde der Esoteriker sagen, das lässt an unsere gegenwärtige Gesellschaft denken, der kommt zunehmend auch die Mitte ab-handen, was wiederum andere sagen. Im Dämmerschlaf stellen sich mir die Philosophen als Tratschweiber dar; reden über alles und je-den, dabei gebricht es ihnen gänzlich an persönlicher Betroffenheit oder Erfahrung in Bezug auf das Tratschobjekt. (Oder – mögliches Traumfragment: Sie erscheinen mir als ein Juxhaus-Portier, der die Irrwege zu weisen versteht, selbst aber keinen Schritt in die Spie-gelanstalt wagt.) Archivare des Geistes. Feinstoffliche Spider, die Kontexte generieren …

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