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michael helming | Zurück natürlich

Midlife-Crisis einer Natural Born Couch-Potato.

Dumpfer Surround-Sound fernab aller Musik. Inventar rumpelt grob durcheinander und hyperdynamische Stimmen holpern – fast wie im Stimmbruch und doch unverkennbar auf Alkohol – kreuz und quer über den nächtlichen Flur sowie durch benachbarte Zimmer. Die Wände vibrieren zuweilen. Ich knete, walke und knautsche in müdwacher Verzweiflung die Kissen, werfe meinen Körper ohne Unterlass von einer Seite auf die andere. Tief in meinem aufgewühlten Inneren weiß ich, man sollte – zumindest in den Sommermonaten – einen Bogen um die heillos überlaufene Hauptstadt der Tschechischen Republik machen; Dank zahlreicher Zufälle ist es leider doch passiert: Ich bin hier aufgeschlagen und erst in einigen Stunden wird es mit einem Zug der České dráhy in die ruhige Provinz weitergehen. Bis dahin wäre mir etwas Schlaf genehm, was ausgeschlossen scheint, solang eine Meute aus Německo viel zu dicht an meinem Bettpfosten ihre offenbar allerersten Saturnalien des billigen, böhmischen Bieres begeht.
In so einer Situation bin ich tatsächlich das erste Mal, aber gegen halb drei Uhr dann doch wohl aufgestachelt genug; ich entsteige der Bettstatt, werfe mich notdürftig in Hemd und Hose, dann trete ich in den Gang hinaus, wo ich auf mehrere offene Türen und ein halbes Dutzend wild umher wuselnder Jünglinge stoße, die einer überdrehten Teenagerkomödie entsprungen sein könnten. Höflich aber bestimmt bitte ich mir Ruhe aus und was nun geschieht, wird mich für den Rest der Nacht bewegen, mich mit weit offenen Augen wach liegen lassen: Die Jungs gehorchen unmittelbar! Kein Protest! Nicht einmal ein Murren! Gesenkten Hauptes trabt einjeder in seine Kemenate. Die Türen schließen sich leise. Kein Möbelrücken und kein Lachen mehr. Es herrscht Ruhe! – Nur nicht in meinem Kopf.
So plump und beiläufig ereignet er sich also: Mein Seitenwechsel, weg von den jungen Menschen, hin zu den alten, nörgelnden Säcken! Ein gigantischer Umbruch! Dabei hatte ich kaum meine Stimme erhoben. Allein der Auftritt meiner offenbar respektierlich gesetzt wirkenden Person – na ja, hoffentlich auch die mit der Adoleszenz erblühende Vernunft – bewirkten diesen Rückzug. Ob ich in dem Alter derart einsichtig gewesen wäre? Hätte es zu meiner Zeit nicht Lärmen und Poltern gesetzt, bis der Portier eingeschritten wäre? Und wieso nenne ich jetzt überhaupt irgendeine Zeit die meine? Habe ich selbst nicht gestern noch überlaut mit Kumpels gezecht und die Autoritäten herausgefordert? Habe ich nicht auch deshalb keine Kinder in die Welt gesetzt, um diesen grausamen Moment niemals erleben zu müssen?!? Mit kaum vierundvierzig Lenzen passiert es also. Bis jetzt habe ich mich immer auf der anderen, der jugendlichen Seite des Lebens gewähnt, trotz langsam ergrauender Haare. In dieser Nacht endet nun unverhofft meine Pubertät und mir wird klar, dies ist freilich bereits vor über zwanzig Jahren geschehen. Ich habe nur nicht recht darauf geachtet, es lediglich unterschwellig wahrgenommen und so erscheint mir dieser Wandel jetzt wie eine gigantische Erschütterung, wie eine Revolution, die mich nahezu direkt von der Wiege in den Sarg katapultiert.


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