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jörg albrecht | alle wollen alles

Aber warum?

Being the story
Neulich, im Sprechzimmer:
Jemand fing an, zu sprechen, fing an, vorzutragen, sich vorzuwagen, jemand wollte die große Geschichte der großen Fiktionen nacherzählen: der Nation, des Marktes und der Demokratie.
Jemand wollte die Literatur der Gegenwart in diesem Lande beleuchten und den Literaturbetrieb, diesen alten Fels in uralter Brandung, in die Pflicht nehmen.
Jemand wollte die Zustände, wie sie geworden sind, kritisieren und sich mit dieser Kritik profilieren.
Jemand trat also vor und fragte:
Was könnte Erzählen, literarisches Erzählen in diesen Jahren, dieser Gesellschaft bedeuten? In diesem Vortrag wird es um den Rechtsruck gehen, den Rechtsruck der vergangenen zweikommafünf, nein, fünfundzwanzig Jahre. Es wird um das Neue, nicht ganz so neue, alte Erzählen gehen. Es wird um ALLE gehen und um ALLES. Das klingt ziemlich anstrengend, und das wird es auch. Aber darunter gehts nicht mehr. Dazu werde ich folgenden Thesen nachstellen: …
Manche hörten dem Vortrag zu, mit angespitzten Ohren, manche träge, kurz vorm Powernap, manche begaben sich zur Neuigkeitenfütterung an ihr Telefon, manche fingen an, Gespräche zu führen.

So auch ich.

Ich fing an, zu sprechen, mit dir zu sprechen, obwohl du nicht dort warst, nicht in diesem Sprechzimmer mit mir sprachst, sondern irgendwo anders.
Unser Gespräch ist nicht zu Ende. Auch wenn du und ich, dieses DUUNDICH, das vor einem Jahr noch existierte, dieses damals schon brüchige WIR längst am Ende ist. Das Gespräch geht weiter, obwohl die Differenzen unüberbrückbar sind, gerade WEIL die Differenzen unüberblickbar sind, muss ich mich weiter mit dir darüber unterhalten, mein Spatz, nein, Ex-Spatz. Und wieder [WIEDER!] fragst du diese Frage, für die ich dich schon, als du sie zum ersten Mal fragtest, hätte ohrfeigen können [für die Naivität], ohrfeigen und dann küssen [für diese Naivität] und küssen und ohrfeigen und küssen und ohrfeigen und –. Diese Frage:
Kannst du nicht mal nen Bestseller schreiben? Und wovon soll der handeln?
Von, äh, MIR?!?

So stand ich oder saß ich im Sprechzimmer und hörte, während ich mit dir das Gespräch führte, weiter dem Vortrag zu:
Wir schreiben die 90er-Jahre in der Literatur. Mehr und mehr setzt sich der Primat des sogenannten Neuen Erzählens durch: Romane sollen wieder schön einfache Stories erzählen, in einer verständlichen Sprache, also in einer Sprache, die einfach IST, was sie IST. Und am besten sollen diese Stories NICHT über Politisches sprechen, sondern das Private thematisieren, denn das Private ist ja schon politisch genug.
Umdrehung des Slogans von ’68 ff.: Statt sich mit den privaten Fragen auf politische Weise zu beschäftigen, wird das Private zum Maximum an politischer Sphäre deklariert, degradiert.
Aber warum?


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