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cornelius grupen | Alles umsonst

Brandholz las keine Zeitschriften. Nicht den Kicker, nicht den Playboy, nicht einmal den Spiegel. Brandholz interessierte sich nicht für Fußball, nicht für Frauen und nicht für Politik. Er interessierte sich überhaupt nicht für die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit bestand für ihn zu gleichen Teilen aus Leiden und Langeweile.
Brandholz interessierte sich für Möglichkeiten, und das einzig wahre Medium der Möglichkeit sei, so sagte er, das Buch. Er gab sein ganzes Geld für Bücher aus. Seine Idole hießen Kierkegaard, Nietzsche und Camus. Sie hatten über den Tod geschrieben und so Unsterblichkeit erlangt, obwohl sie jung gestorben waren. Die Vorstellung, aus Wörtern etwas Bleibendes zu erschaffen, faszinierte Brandholz. Als er am Schwarzen Brett der Bibliothek die Ausschreibung eines Literaturwettbewerbs entdeckte, war er sofort Feuer und Flamme. Ein großer Wiener Verlag rief junge Autoren dazu auf, unveröffentlichte Geschichten zum Thema „Alles umsonst“ einzureichen. Ein Gremium aus Schriftstellern und Lektoren würde die Einsendungen bewerten. Dem Gewinner winkte die Veröffentlichung seines Beitrags in der renommierten Regenbogen-Reihe des Verlags.
In den nächsten Wochen sprach Brandholz von nichts anderem mehr. Er entwarf ein Szenario der Vergeblichkeit nach dem anderen, aber bevor ich verstanden hatte, worauf er jeweils hinauswollte, hatte er die Ideen meistens schon wieder verworfen. Nach drei Wochen stand er mit einem Manuskript vor meiner Tür. Er wollte wissen, was ich davon hielt. Ich
versprach ihm, es in Ruhe zu lesen und mich in den nächsten Tagen bei ihm zu melden, aber Brandholz bestand darauf, dass ich es sofort las. Wenn ich es nicht sofort läse, bräuchte ich es gar nicht zu lesen, sagte er. Er habe die Geschichte in den vergangenen Tagen unaufhörlich umgeschrieben und wisse nun nicht mehr, ob sie überhaupt etwas tauge. Er liefere sich meinem Urteil aus wie ein Gladiator der Gunst des Kaisers. Höbe ich den Daumen, würde Brandholz die Geschichte an den Verlag schicken. Senkte ich den Daumen, würde er sie verbrennen und von vorne anfangen. Mir kam das übertrieben dramatisch vor, aber ich sah Brandholz an, dass er kaum geschlafen hatte, und wollte keinen Streit riskieren. Ich hoffte, seine Geschichte würde mir gefallen. Ich setzte mich mit dem Manuskript auf die Couch. Brandholz setzte sich in den Sessel gegenüber. Ich spürte, dass er versuchte, in meinem Gesicht zu lesen, während ich las, was er geschrieben hatte. Ich bemühte mich, meine Mimik zu kontrollieren, vergaß aber schon nach wenigen Zeilen, wo ich war, was ich tat und dass Brandholz mich dabei beobachtete.
Die Geschichte hieß Rückzug und handelte von einem jungen Leutnant der Infanterie, der in den letzten Kriegstagen den Befehl bekommt, mit seiner Einheit ein feindliches Munitionsdepot anzugreifen. Seine Männer sind am Ende ihrer Kräfte und schlecht ausgerüstet. Auf zwölf Mann kommen nur noch vier funktionierende Gewehre. Aber Befehl ist Befehl. Der Leutnant entscheidet sich zum Angriff. Zur selben Zeit unterschreibt sein Befehlshaber weniger als hundert Kilometer entfernt im Hauptquartier des Feindes die Kapitulationserklärung. Der Krieg ist verloren, aber der Leutnant erfährt nichts davon. Er lässt seine Männer Streichhölzer ziehen. Das Schicksal soll entscheiden, wer ein Gewehr bekommt. Für die Verlierer und ihn selbst bleiben nur einfache Revolver. Er führt die Männer ins Gefecht und muss zusehen, wie einer nach dem anderen im Kugelhagel der feindlichen Maschinengewehre stirbt. Als ihn schließlich die Nachricht von der Kapitulation erreicht, ist es zu spät. Er selbst ist unverletzt, aber seine Männer sind alle gefallen. Als er begreift, dass er sie umsonst in den Tod geschickt hat, richtet er seinen Revolver gegen sich selbst, um sich das Leben zu nehmen, aber er hat keine Patronen mehr. Er muss weiterleben.

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