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kerstin kempker | Also warum

Darum.

Um in die Nähe meiner Gedanken zu kommen; um erst zu erinnern und dann zu vergessen; um eine Melodie zu finden, auf der ich laufen kann; um gehen zu dürfen; um Abstand oder Gefühl zu gewinnen; um Gott zu spielen, prekär zu bleiben; um im Buchstabenkäfig auf und ab zu trotten, ohne Mitte, kein großer Wille, aber betäubt; um ganz allein nicht ganz allein zu sein; um danach getrost den Verstand zu verlieren; um aus 26 verschiedenen Steinchen eine riesige Schlange zu stöpseln und mit dieser Schlange um den Hals mutig aufzutreten.
Wenn ich nicht schreibe, findet mein Leben ohne mich statt. Ich glaube nicht, dass das irgendwem auffällt.
Meine Poetik? Ist das neu, irgendwas aus Politik und Kosmetik, in der Mitte verschraubt? Sowas hab ich nicht. Ich schreib ja bloß. Wenn es um Material, Werkzeug, Verarbeitung geht, sicher, da sollte … nein, nix experimentell, auf diese Insel will ich nicht verbannt werden. Mit aller Anstrengung halte ich mich hart am Sagbaren. Das bitte ich zu honorieren.
Eine Sehnsucht will neben allem immer gestillt sein. Dieser schwankende Boden, die Welle, das ist die Zeit, ihr Puls, das Weiterweiter, mehr, alter Mond, mehr.
Gerade das Schreckliche braucht den einlullenden Ton, so schleicht es sich unter die Haut. Mein Pfeifen im Wald wendet die Not nicht, hält sie aber auf Abstand, will sie tanzen lassen, was nie gelingt, pustet sie über den Grund. Da schlägt sie auf, springt, und ich pfeife mir Gleichmut zu, will gehört und gefunden werden oder wenigstens so tun. Als lasse sich das Übel in die Flucht pfeifen, als ende einmal der Wald.
Erst ist es eine Frage, die sich auswächst zur fixen Idee, von der ich mich wie an einem Seil hinunterlasse oder mich zu ihr hinaufhangele Knoten für Knoten, festgemacht an nichts als dieser fixen Idee.
Manchen Sätzen sind kleine Fahrgestellnummern versteckt eingraviert, um darin doch einmal gefunden zu werden. Im Domino der Unverwirrten, einer stößt den nächsten an.
Weniger Wärme, weniger Licht, sie runterdrehen, abdimmen und befreien von allem, was sie wohnlich macht. Kurz und kantig. Fröstelnd von Wand zu Wand, nicht abschweifen, keine Fluchten. Wieder ein paar Wörter rausgeworfen, höre ich mich am Abend sagen und schaue dem Laptop beim Zuklappen aufs Maul.
Sie sind also Theoretiker? Oh nein, eher Skeptiker, der gern Musiker wäre.
Wo Sprache sich dem Inhalt widersetzt, ihn auflaufen, anecken, absaufen lässt, vorführt, versingt, ins Stottern bringt, zur Umkehr zwingt, sich ihm im Ernstfall verweigert. Weil sie wie Traum ist, offen für alles, aber nicht zu allem bereit, wie Zug, Zeit, Wald, Wiese und See.

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