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Beinahe ein Kriminalroman

Sonja Harter beschreibt in ihrem Debütroman "Weißblende" das Heranwachsen eines Mädchens zu einer jungen Frau. Ein nicht ganz ungefährliches Abenteuer.


Sonja Harter: Weißblende, Roman

Beinahe ein Kriminalroman

Luftschacht Verlag: Wien 2016

Rezensiert von: Katharina Johanna Ferner


Die Ausgangslage ist folgende: Ein Mädchen, Matilda, wächst mutterlos in einem kleinen Dorf am Land auf. Seit ihre Großmutter ins Pflegeheim gekommen ist, lebt sie dort allein mit ihrem Vater. Höhepunkte des Zusammenlebens bilden gemeinsame Essen, wenn der Vater vom Acker kommt, oder gelegentliche Ausflüge zum See. Der Bewegungsradius Matildas beläuft sich auf die alltäglichen Wege, zwischen Dorfschule und dem Haus. Eine zweite Erzählebene bringt Aufzeichnungen der verstorbenen Mutter zutage. Es ist eine durchbrochene Idylle, die hier suggeriert wird. Es gibt kaum Bezugspunkte für die Heranwachsende. Ihr wird eine Intellektualität zugeschrieben, die anderen Gleichaltrigen zu fehlen scheint, interessiert sie sich doch mehr für Bücher als für Männer. Die klassisch anmutende Grundkonstellation wird bald einem Wandel unterzogen. Die konservative Umgebung gerät erstmals aus dem Gleichgewicht, als ein Fall von Kinderschändung ans Tageslicht gerät und eine der Klassenkolleginnen psychisch lädiert im Keller des Schulwarts gefunden wird. Die Überspitzung mancher Situation mag ein österreichischer Seitenhieb sein, nichtsdestotrotz: es funktioniert. Das schreckliche Ereignis wird zur tragischen Sensation, alles Weitere unter den Teppich gekehrt. Es mag in der modernen Gesellschaft überholt wirken, dass dem traumatisierten Mädchen Schuld zugesprochen wird und schließlich auch noch auf das Internet geschimpft wird. Es unterstreicht aber auch den Hintergrund, vor dem Matilda aufwächst, die sich überraschend unbeteiligt mit den Fakten auseinandersetzt und ihren Vater überredet, einen Internetanschluss zu installieren, damit sie auch im Sommer mit ihren Lehrern in Kontakt bleiben kann. Sie sehnt sich nach Bildung und Kultur. Es ist bereits zu spüren, dass es anders kommen wird.
Sonja Harter spinnt von der ersten Zeile an ein Netz, dessen Maschen im Laufe des Romans immer enger werden, bis es einem die Luft abschnürt. Sie zeigt sich als Meisterin der Verknappung, jeder Satz sitzt. Der Nervensommer, wie der erste Teil des Romans betitelt ist, mündet in ein Irrlichtern. Der Vater beschließt das ehemalige Zimmer der Mutter an einen Gastarbeiter zu vermieten. Der Franzose Alain Bonmot zieht ein und Matilda beginnt unwillkürlich Anflüge erster Fraulichkeit an sich zu entdecken. Im Zuge dessen bekommt die junge Frau die Möglichkeit, sich nicht nur der Geschichte ihrer verstorbenen Mutter und der immer noch im Pflegeheim vor sich hin vegetierenden Großmutter anzunehmen.
Das Schöne an Matildas Figur ist, dass sie nicht auf ihre Jugend und Unerfahrenheit oder gar Dummheit reduziert wird. Mit ihrer Wissbegier und der gleichzeitigen Schüchternheit, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen, ist sie eine komplexe, liebenswerte und auch starke Protagonistin, die man gerne vor dem Abgrund bewahren möchte. In Alain Bonmot findet sie nun endlich den Gesprächspartner, nach dem sie sich bereits lange gesehnt hat. Sie nutzt die Gelegenheit, sich kulturell fortzubilden und dem Dorf anschließend zumindest für eine Weile den Rücken zu kehren.
„Die Fenster heruntergekurbelt, fliehen wir das Tal, das keinen Ausblick bietet, mehrere Stunden immer neue Berge, Gipfel, ja: Schnee aufwirft, bis uns das Wasser beinahe ausgegangen ist, wir Hunger bekommen, Bonmot das erste Wort verliert.“ Der jugendliche Drang nach Freiheit wandelt sich bald von neu erlangtem Selbstbewusstsein zu unausweichlicher Selbstzerstörung. Abenteuerlust und Neugierde werden zu Berechnung. Die moralischen Grenzen schnell überschritten. Das Spiel mit dem Lolita-Motiv wird hierbei auf die Spitze getrieben. Der Roman legt stetig an Brisanz zu und nähert sich in hohem Tempo einem unvorhersehbaren Ende. Es sei an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber was sich hier aufbaut, ist nichts für schwache Nerven. Sonja Harter ist mit Weißblende ein Roman gelungen, der nicht nur in der Handlung, sondern auch in seinen sprachlichen Komponenten brilliert. Man merkt, dass die Autorin von der Lyrik kommt. Sie arbeitet in einem pointierten Stil und macht in nur wenigen Sätzen Bilder auf, die sich während des Lesens manifestieren. Dass uns Sonja Harter nach mehreren Lyrikbänden nun auch mit einem Romandebüt beschenkt, macht Freude.