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florian mittl | Der Zauber des Wortes

Vom Schreiben (und Lesen) wider die Unvernunft.

In der griechischen Mythologie gilt Hermes nicht nur als Götterbote, sondern auch als Erfinder von Schrift und Sprache. Dies hat wohl damit zu tun, dass die Botschaft der Götter nicht nur überbracht, sondern auch entschlüsselt werden musste. Pilger zum Orakel von Delphi konnten ein Lied von den Schwierigkeiten mit der chiffrierten Göttersprache singen. Wer das Orakel am Mittelpunkt der Welt befragen wollte, musste zuerst die Tempelvorhalle durchqueren und sich dem Spruch über dem Torbogen stellen: Gnothi sauton – Erkenne dich selbst. Ein sehr hoher Anspruch und leider waren die Weissagungen der Pythia meist nicht wirklich hilfreich auf dem Weg zur Selbsterkenntnis. Sie deuteten weit mehr an, als sie klar ausdrückten. Hermeneutik (Kunst der Auslegung) war also gefragt und damit sind wir wieder bei Hermes.
Nicht immer jedoch ist ein solcher vorhanden und dann heißt es umso mehr, genau Acht zu geben, was man wo und wie sagt, gerade in Zeiten von Fake News und Alternative Facts. Was sich da an Dummheiten, Frechheiten, Beleidigungen, Rufmord und unglaublichem Irrsinn sammelt, geht auf keine Kuhhaut. Das Motiv für diese Redewendung stammt übrigens auch aus der griechischen Antike: Die sich auf der Flucht befindende Prinzessin Dido erbat sich vom Namibierkönig Jarbas Land, woraufhin dieser ihr das Gebiet versprach, das sie mit einer Kuhhaut umspannen könne. Die listige Dido ging auf den Handel ein, schnitt die Kuhhaut in hauchdünne Streifen, legte diese aneinander und konnte so genug Land für das spätere Karthago markieren. Möglich ist auch, dass die Redewendung aus dem Mittelalter stammt und mit dem vom Teufel auf Pergament registrierten Sündenregister der
Menschen zu tun hat. Waren die Sünden so zahlreich, dass sie nicht einmal mehr auf eine ganze Kuhhaut passten, war der Fall eindeutig.
Leider interessieren solche kulturellen Facetten die Autoren von Fake News auf Facebook, Twitter und Co wenig bis gar nicht. Gerade in Zusammenhang mit der immer aktuellen Asylthematik finden sich in der modernen Dreifaltigkeit des World Wide Web zahlreiche abstoßende Beispiele. Meist ohne Quellenangaben oder unter Berufung auf eine der zahlreichen Hetzseiten „entlarvt“ man Luxusflüchtlinge und Dschihadisten, fordert die Rettung des christlichen Abendlandes und „diskutiert“ auf entsetzlich niedrigem Niveau. Markenzeichen der Hassseiten: extrem schlechtes Deutsch. Demgegenüber stehen sprachlich ausgefeilte und gut recherchierte Texte von den Peter Strassers, Paul Zulehners und Elfriede Jelineks unserer zu Recht auf ihre schreibende Zunft stolzen Alpenrepublik.

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