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Durch den Wind

Daniela Emminger überzeugt in ihrer Novelle Gemischter Satz einmal mehr mit ihrem kunstvoll-raffinierten Stil.


Daniela Emminger: Gemischter Satz. Novelle.

Durch den Wind

Czernin Verlag: Wien 2016

Rezensiert von: heimo mürzl


Nein, Agatha ist nicht dumm. Aber Liebe ist nicht unbedingt eine Frage der Intelligenz.

Den gekonnten Umgang mit literarischen Genres und den Raffinessen des literarischen Schreibens merkt man Daniela Emmingers viertem Buch an. Ihre Novelle Gemischter Satz ist kunstvoll komponiert, kommt raffiniert und doch leichtfüßig daher und beeindruckt mit artifiziellem Sprachwitz und skurrilen Gedankengängen. Gemischter
Satz ist ihr viertes Buch – nach Leben für Anfänger (2004), Schwund (2014) und Die Vergebung muss noch warten (2015) – und erneut dient ihr das Schreiben als künstlerischer Emanzipationsakt, Lebenselixier und zugleich befriedigende wie befreiende Möglichkeit der Selbstvergewisserung. Befreien muss sich auch die Protagonistin der Novelle – Agatha steht unsicher vor einer bereits getroffenen Entscheidung: Der Trennung von ihrem namenlos
bleibenden Mann „Nummer sieben“. Die unerhörte Begebenheit, die Johann Wolfgang von Goethe als wichtigstes Kriterium einer Novelle bezeichnete, ist bei Emminger das Scheitern einer großen Liebe. „Wenn Agatha liebte, war das schlimmer als die Pest“, liest man hier und die Liebe wird bei Emminger zum Liebesunfall und aus der „Herzkrankheit“ eine „Hirnkrankheit“ und Agatha ist recht bald völlig
„durch den Wind“.
Die in Wien lebende Oberösterreicherin hat sich mit ihren ersten drei Büchern einen Ruf als Autorin mit viel schrägem Witz, skurrilen Gedankengängen und einer Vorliebe zum virtuosen, manchmal geradezu aberwitzigen Umgang mit (vorgefertigter) Sprache erworben. In ihrem aktuellen Buch bleibt sie ihrem kunstvoll-raffinierten Stil treu und erzählt in einem ebenso frechen wie verdrehten Tonfall vom Liebeskummer ihrer Protagonistin Agatha. Der Titel Gemischter Satz ist bei Daniela Emminger auf zweierlei Art zu deuten: Neben dem Wein, der sich aus unterschiedlichen Rebsorten eines Weingartens zusammensetzt, ist es auch ein gar nicht so dezenter Hinweis der Autorin auf die Bedeutungsvielfalt von Wörtern und Sätzen, die dem Leser einen großen Interpretationsspielraum bietet. Was Daniela Emminger zu erzählen hat, erzählt sie mit großer erzählerischer Freiheit auf sprachspielerisch-amüsante Weise auf Umwegen. Lücken und Leerstellen stehen da neben zahlreichen erzählerischen Hinweisen auf einen verborgenen Sinn. Das ist raffinierte und unverwechselbare Kunst, die nicht auf rasches und einfaches Einverständnis hofft. Die Handlung im engeren Sinn tritt in den Hintergrund, weil die Autorin nicht auf eine linear zu Ende erzählte Geschichte setzt. Dazu sitzt ihr der Sprachschalk zu sehr im Nacken, frech, kreativ und verspielt und nie um eine sprachliche Pointe verlegen lässt sie den Leser an ihrem Bewusstseinsstrom teilhaben. Die versalzene Suppe gesellt sich da wie selbstverständlich zur Bitterschokolade, ihr Mann „Nummer sieben“ ist „eine dreibeinige Ungeheuerlichkeit, die aus dem Nichts auftauchte und Agatha wie ein Schieferdorn ins Herz stach (…) eine Lebensgefahr oder ein Lebensgefährte“ und so ist auch der Gedankensprung von der Todessehnsucht zum lebensbejahenden „Es war ganz einfach: Das Leben war gut“ stimmig und nachvollziehbar. Die Vergänglichkeit der Liebe steht in dieser Novelle für die Vergänglichkeit des Lebens an sich, für all die Unwägbarkeiten des Daseins und die Unmöglichkeit, stets alles im Griff zu haben. Und so folgt auf das Scheitern und Abschiednehmen das alternativlose Weitermachen und obwohl es ein Happy End meist nur im Märchen oder in Hollywood-Filmen gibt, bleibt immer noch die Hoffnung – auch wenn sie sich nicht selten als trügerisch erweist. Daniela Emmingers Novelle Gemischter Satz verknüpft auf leichtfüßige und spielerische Art Sprach- mit Hirnakrobatik und überzeugt als ein über 112 Buchseiten mit Verve, Esprit und sehr viel Witz betriebenes L’art pour l’art. Das Motto dieses überaus unterhaltsamen und auf eine spezielle Art und Weise infektiösen Büchleins stammt von Samuel Beckett: „Ich kann nicht weitermachen, ich werde weitermachen.“ Als Leser hofft man, dass für die Autorin Daniela Emminger nur der zweite Teil des Buch-Mottos zutrifft.