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ana sandjari | Eine Chance, meine Chance?

Schreiben heute - Schreiben in der Zwischenzeit.

Mit vier konnte ich schreiben. Das war 1980. Mit 14 bekam ich eine Olivetti-Schreibmaschine und ein Lernheft dazu. Mein erster Computer war ein rustikales Relikt mit gewölbtem Bildschirm, das von der amerikanischen Militärbasis in Heidelberg ausgelagert wurde. Danach folgte ein theoretisch tragbarer aber unendlich schwerer IBM Thinkpad mit einem kleinen roten Knopf in der Mitte der Tastatur. Das war im Jahr 2000.
Ich bin eine von denen dazwischen. Zwischen denen, die ohne Computer aufgewachsen sind, und denen, die von Kind auf einen im Haus hatten. Ich bin eine, die mit zehn Fingern tippen kann, und ich kann sogar Schreibschrift und Steno. Ich habe Jungjournalisten mit zwei Fingern tippen sehen, und zwar fast genauso schnell wie ich mit zehn Fingern. Sie müssen Hornhaut haben an den Fingerkuppen.
Ich habe immer geschrieben. Auf Papier, quer mit Bleistift oder Kuli, mitten in der Nacht, tagsüber in Worddateien, wenn ich gerade mal inspiriert war. Die Inspiration war stets Ursprung des Schreibens. Ohne sie ist Schreiben möglich, aber nicht sinnvoll. Ich bin eine von denen, die vom Schreiben gelenkt werden und die das Schreiben aber nicht in Bahnen lenken können. Deshalb wurde Schreiben nicht zu meinem Beruf.
In meinen Schubladen stapeln sich Texte, auf meinem Computer wimmelt es von Ordnern und Dateien, in denen sich Gedichte zu Kurzgeschichten und Essays gesellen. Es gibt mittlerweile Suchmaschinen, die ich beauftragen kann, in dem großen Chaos nach einem bestimmten Stichwort oder Titel zu suchen. Aber wozu sortieren? Ich weiß nicht, wie man Schriftsteller wird. Ich habe nur das Handwerk des Schreibens gelernt, vom Veröffentlichen habe ich keine Ahnung.
Damals sagten meine Freunde: Schick das doch an die Zeitung. Oder: Schick das mal an einen Verlag. Das hätte ich machen können, habe es nie getan. Ich befand mein Schreiben nicht gut genug, im Vergleich zu Texten der Autoren, die ich las. Sie sagten auch: Nimm doch mal an diesem oder jenem Wettbewerb teil. Habe ich nie getan. Vielleicht aus der Befürchtung heraus, mein Text könne letztendlich nicht der Beste sein. Der Hochmut der Schreibenden ist unerschöpflich.
Und dann gab es plötzlich das Internet. Erst war es leise, dann war es laut. Und alle meine Freunde schrieben. In Blogs, in Foren, auf ihren eigenen Webseiten, für Online-Literatur-Magazine und als Gastautoren für renommierte Zeitschriften. Ich vergaß, wer ich war.
Schreiben im Internet ist das Mitteilen von geistigem Eigentum, ungeschützt und ohne Gegenwert. Was bekommt man im Gegenzug für eine Internetveröffentlichung? Manchmal Geld, manchmal einen Namen, manchmal Kritiken von Menschen, die nicht wirklich dazu befähigt sind, Kritiken zu schreiben. Manchmal nichts. Oft wird ein Text geklaut, kopiert, abgeändert, ohne Erlaubnis zitiert und tausendfältig durch soziale Medien geschossen. Internet ist dieses monströse Universum, in dem heute jeder alles schreiben und veröffentlichen darf. Ich fühle mich nicht dazugehörig. Weder hierzu noch zu dem, was vorher war.
Weder zu den ehrenwerten Schreibmaschinenschriftstellern der Nachkriegszeit noch zu den zweifingertippenden Jungautoren des neuen Jahrtausends. Ich bin dazwischen und stecke fest, taub, stumm und lahm.

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