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klaus ebner | Eine simple Frage

Und der Versuch, wenigstens eine Antwort darauf zu finden.

Wozu schreiben? Zwei banale Worte. Einerseits. Andererseits eine simple Frage, die sich Schreibende, seit sie schreiben (und seit es Schreibende in Menschenkulturen gibt), stellen. Immer wieder und stets aufs Neue. Natürlich geht es um Literatur. Aber geht es um Literatur? Erfunden wurde die Schrift keineswegs, um Geschichten, Epen und Lyrik festzuhalten, sondern um Mengen Mehl, Öl und Wein zu dokumentieren und Kaufleuten ein Instrument für ihre Tätigkeit in die Hand zu geben. In Sumer, in Ägypten und in China. Es ging folglich nicht um Literatur, sondern um Wirtschaft. Also ums Überleben. Womit wir wieder bei der Literatur sind. Denn Literatur hat mit Überleben zu tun. Mitunter mit dem Überleben Einzelner, der in (zumeist politisch) prekären Lagen Schreibenden und mit dem Überleben jedweder Kultur, die ohne schriftliche Fixierung nichts ist. Daher schreiben. Nicht nur Literatur, obwohl dieser Begriff sehr weit gefasst werden kann und in der Geschichte auch wurde. Plinius’ Naturgeschichte zählt unbestritten zur römischen Literatur, und doch käme heutzutage niemand, der eine naturgeschichtliche Abhandlung schreibt, auf die Idee, sein Werk der Literatur zuzuordnen. Der Begriff der Literatur ändert sich, nicht nur über die Epochen der Literaturgeschichte, sondern auch in unterschiedlichen Völkern und Kulturen. Wobei manche, namentlich jene, die (noch) keine Schriftkultur entwickelten, gar keine Vorstellung von Literatur haben. Denn die sammelt Aufgeschriebenes. Wer die genannte naturgeschichtliche Abhandlung schreibt, weiß, dass seine Zeilen ephemer sind, dass sie mit dem Fortschritt der Wissenschaft obsolet werden können und damit in der Versenkung (beziehungsweise im Büchermagazin irgendeiner großen Bibliothek) verschwinden. Ein Schicksal, das freilich auch literarisch Schreibende treffen kann; wer kennt denn noch Werke von Betty Paoli, Friedrich Halm, Maria Lazar oder Klaus Sandler? Also: Wozu schreiben?
Die Frage muss individuell gestellt werden, und ebenso individuell erfolgen Antworten – oder auch nicht. Denn das (überraschte?) Schweigen könnte adäquat und zutreffend erscheinen; die Frage bliebe unbeantwortet im Raum stehen, Fragende fänden Betretenheit und Ratlosigkeit bei den Befragten vor. Wenige (oder manche oder sogar viele) rängen sich zu einer Antwort, die sie erwartet, durch, und vermutlich gliche keine einer anderen. Auch Jean-Paul Sartre stellte fest: „Pour celui-ci, l‘art est une fuite; pour celui-là, un moyen de conquérir“, um gleich darauf auszuführen, dass es auch andere Wege der Flucht und der Eroberung gäbe. Manche Schreibenden postulieren, sie schrieben für sich selbst, doch Sartre hält das für eine Ausrede und sagt: „Il n‘y a d‘art que pour et par autrui.“ Kunst werde also immer für andere geschaffen, und nicht nur das, sie entstehe auch durch andere, im Dialog mit anderen. Es ist die Auseinandersetzung mit dem persönlichen Umfeld, die einen Schriftsteller dazu treibt, Literatur zu schreiben, das Erlebte in irgendeiner Form schließlich in einen Text zu gießen. Vor diesem Hintergrund und dennoch in einer sehr einfachen, pragmatischen und gewissermaßen entzückenden Weise hielt Paul Auster fest: „If nothing else, the years have taught me this: if there‘s a pencil in pour pocket, there‘s a good chance that one day you‘ll feel tempted to start using it.“
Wie fängt es eigentlich an? Was ist der Auslöser dafür, die eigenen Beobachtungen, das Erlebte, die Gedanken aufzuschreiben, literarisch zu verarbeiten und (sofern alles klappt)in Buchform unter die Leute zu bringen? Heimito von Doderer fing in der russischen Gefangenschaft nach dem Ersten Weltkrieg zu schreiben an, im Grunde, weil sie dort alle viel Zeit hatten und weil es insbesondere unter den Adeligen, welcher der Herr Rittmeister einer gewesen, halt Usus war, sich entweder mit einer Wissenschaft oder etwas Künstlerischem zu beschäftigen. Dass Schreiben Doderers Lebensinhalt wurde und blieb, hätte nicht sein müssen, und doch entwickelte er sich zu einem der wichtigsten österreichischen Romanciers des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Grund zum Am-Leben-Bleiben war die Literatur (wie auch die Malerei) für Peter Weiss, in den Anfängen, den Jahren des Herumirrens und der Emigration, auf der Flucht vor den Nazis. Ähnlich mag es sich für Paul Celan und Rose Ausländer verhalten haben, aber bei Jura Soyfer, der im KZ ermordet wurde, hat es diesen Zweck leider nicht erfüllt. Die katalanische Autorin Montserrat Roig formulierte in diesem Zusammenhang: „Per escriure ens hem de sentir, alguna vegada, expulsats.“ Man müsse sich (wenngleich nicht immer) ausgestoßen fühlen. Die Liste jener, die durch existenzielle Erlebnisse zum Schreiben gebracht wurden, ist lang, hingegen trifft eine solche Begründung bei Weitem nicht auf alle zu. Wozu also schreiben, wenn die äußeren Umstände einen nicht zwingen, durchaus andere Möglichkeiten vorhanden sind, sich auszudrücken und mitzuteilen?

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