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david wagner | Etwas

Und vielleicht auch etwas mehr.

Ich weiß noch immer nicht, wie es funktioniert. Nachher staune ich immer, dass da etwas steht. Wo vorher nichts war, ist plötzlich ein Text, wo nichts war, gibt es eine Melodie und einen Rhythmus und vielleicht klingt es nicht nur schön, vielleicht wird sogar etwas gesagt?
Ich weiß noch immer nicht, wie es funktioniert. Ich schreibe etwas hin, auf Papier, ich höre etwas oder bilde mir ein, etwas zu hören. Ich möchte etwas sagen. Mir fällt etwas ein. Meist schreibe ich mit Füller, einen Füller habe ich immer in der Hosentasche, seltener mit Bleistift. Manchmal schreibe ich so schnell und ungelenk, dass ich später nicht mehr lesen kann, was ich da geschrieben habe.
Später, wenn die Euphorie sich gelegt hat, schreibe ich ab, was ich notiert habe. Ich tippe ab, übertrage in eine Datei und verändere erst einmal wenig, denn das Übertragen erfolgt oft in stumpfsinniger Stimmung. Oft erinnere ich mich auch gar nicht daran, was ich mit diesen Wörtern wollte. Auf dem Bildschirm schaue ich sie an, schiebe sie hin und her, lösche einige, füge neue hinzu. Ich speichere ab und drucke aus und sehe: Ach, da ist ja etwas. Noch aber weiß ich nicht so recht, was es werden soll. Die Überarbeitung schiebe ich auf, erst einmal möchte ich nichts mehr mit diesem werdenden (wird er überhaupt?) Text zu tun haben, ich stecke die Blätter ein, trage sie mit mir herum – und beginne irgendwann doch, vielleicht in der U-Bahn, vielleicht im Bus, vielleicht im Bett, wo ich halt gerade bin, auf den Ausdruck zu kritzeln. Dabei scheint es mir so, als ob die Wörter, die da nun auf dem Papier stehen (immer weißes, eher teures, glattes, nicht zu dünnes Papier), nur Platzhalter sind für das, was ich eigentlich sagen möchte. Sie sollen mich bloß daran erinnern, was ich sagen will. Noch steht es nicht da.
Ich schreibe nun, wieder mit dem Füller, um die Wörter herum. Ich streiche, verändere und schreibe ab, zwischen den Zeilen schreibe ich neu, ich male mit Tinte. Oft kann ich Wörter oder ganze Sätze, die ich gern loswerden würde, noch nicht streichen, oft muss ich sie noch über einige Versionen mitschleppen – später bleibt vielleicht ein Abdruck von ihnen, irgendwo im Text, eine sprechende Lücke.
Eigentlich möchte ich ja gar nicht verraten, wie oft ich einen Text überarbeite, wie oft ich ihn ausdrucke, auf dem Ausdruck herumkrakele, wieder eingebe und erneut ausdrucke. Eigentlich möchte ich, dass der Leser denkt, jeder (und auch dieser) Text wäre so schön und frisch und klar und fertig, wie er sich nun gibt, aus mir herausgeflossen. Tatsächlich aber muss ich doch ziemlich lange schnitzen, schmirgeln, glätten und polieren.
Bügele ich deshalb so gerne? Liebe ich es, der Gedanke kam mir neulich während des Bügelns eines Geschirrhandtuchs, weil das Bügeleisen (und es macht so ein schönes Geräusch dabei) den zerknitterten Stoff unter sich auf so viel leichtere Weise glättet?
Kürzlich wurde ich nach einer Lesung gefragt, ob ich mit Spracherfassung arbeite, ob ich meine Texte denn diktiere. Nein, sagte ich, auf die Idee bin ich noch nicht gekommen. Ein paar Tage später, ich saß zuhause am Schreibtisch und hatte keine Lust, irgendetwas aufzuschreiben, mir fiel nichts ein, ich hatte nicht einmal die Kraft, die Kappe vom Füller zu ziehen, erinnerte ich mich an die Frage. Warum eigentlich nicht? Warum das Diktieren nicht mal ausprobieren? Und siehe da, es funktioniert! Ich kann, merke ich nun, ich muss die Funktionstaste des Notebooks nur zweimal drücken, diesen Satz diktieren! Und diesen auch. Ich muss überhaupt nicht mehr schreiben, es reicht aus, deutlich zu sprechen – jetzt muss ich nur noch etwas …