schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

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Feuilleton der Ausgabe 31 - schreibkraft

florian mittl | Der Zauber des Wortes

Vom Schreiben (und Lesen) wider die Unvernunft.

In der griechischen Mythologie gilt Hermes nicht nur als Götterbote, sondern auch als Erfinder von Schrift und Sprache. Dies hat wohl damit zu tun, dass die Botschaft der Götter nicht nur überbracht, sondern auch entschlüsselt werden musste. Pilger zum Orakel von Delphi konnten ein Lied von den Schwierigkeiten mit der chiffrierten Göttersprache singen. Wer das Orakel am Mittelpunkt der Welt befragen wollte, musste zuerst die Tempelvorhalle... lesen


helge streit | Warum schreibt einer?

Eine Spurensuche.

Warum schreibt einer? Mit dieser Frage beginnt die Biografie Adalbert Stifters von Wolfgang Matz. Ich las das Buch unmittelbar nach seinem Erscheinen vor zweiundzwanzig Jahren. Das ist auch ziemlich exakt die Zeit meiner ersten eigenen Schreibversuche. WARUM SCHREIBT EINER? Wolfang Matz‘ Biografie beginnt vom Ende her. Ein alter Mann sitzt in seinem Geburtshaus, wohin er noch einmal zurückgekehrt ist, am Tisch und schreibt. Schreibend hat e... lesen


jörg albrecht | alle wollen alles

Aber warum?

Being the story Neulich, im Sprechzimmer: Jemand fing an, zu sprechen, fing an, vorzutragen, sich vorzuwagen, jemand wollte die große Geschichte der großen Fiktionen nacherzählen: der Nation, des Marktes und der Demokratie. Jemand wollte die Literatur der Gegenwart in diesem Lande beleuchten und den Literaturbetrieb, diesen alten Fels in uralter Brandung, in die Pflicht nehmen. Jemand wollte die Zustände, wie sie geworden sind, kritisier... lesen


jan decker | Hyperrealismus. Ein Bekenntnis

Warum die Stunde der starken Bilder gerade jetzt schlägt.

Wenn ich hier ein literarisches Manifest irgendwo zwischen Gonzo und Klassik vorlege, so verfolge ich damit zwei Ziele. Zum einen möchte ich eine Standortbestimmung meines eigenen Schreibens vornehmen, die reizvoll, aber nicht notwendig ist. Denn die Gesetze des Schreibens vollziehen sich erst im Akt des Schreibens, sie kommen gewissermaßen blind zur Anwendung. Daher gibt es auch keinen Grund, ein literarisches Manifest vorzulegen, außer man... lesen


georg gartlgruber | Karriere kann ein Zufall sein

Wie es kam, was nicht mehr zu erwarten war.

Vor einigen Jahren (wie vielen eigentlich?) habe ich aufgehört aus innerem Antrieb zu schreiben. Davor schrieb ich sehr viel; in Notizblöcke und in Collegeblöcke und in Word, auf Schreibmaschinenpapier und auf Websites. Ich schrieb Romane (alle unveröffentlicht), kürzere und längere Kurzgeschichten, Artikel und Essays und Beiträge zu allerlei Themen von Kultur bis Politik, tippte Interviews, ein paar Gedichte, etwas mehr Lieder, auch pseu... lesen


kerstin kempker | Also warum

Darum.

Um in die Nähe meiner Gedanken zu kommen; um erst zu erinnern und dann zu vergessen; um eine Melodie zu finden, auf der ich laufen kann; um gehen zu dürfen; um Abstand oder Gefühl zu gewinnen; um Gott zu spielen, prekär zu bleiben; um im Buchstabenkäfig auf und ab zu trotten, ohne Mitte, kein großer Wille, aber betäubt; um ganz allein nicht ganz allein zu sein; um danach getrost den Verstand zu verlieren; um aus 26 verschiedenen Stein... lesen


thomas ernst brunnsteiner | Drei Niedergänge und eine Hochzaid

Über den Abendgang des Unterlandes.

Wir wissen nicht mehr, wie wir jenes, von dem wir nicht wissen, was es sei, zu schreiben hätten. Und wo? Ehe uns wir aber diesem Problem einer erschlaffenden Schreibkraft, die wir in der Folge als müde gewordenen Sekretär bezeichnen wollen, um jetzt erstens dem ausschliesslich männlichen Re(da)ktoriat der oben zitierten wieder ihren Loriot vorzuhalten und zweitens einen echten wie seltenen Vogel ins Bild stelzen zu lassen, der, damisch vom K... lesen


elisabeth wandeler-deck | Poesie und Revolution

Würfelung aus umständlichem Alphabet.

ansetzen Revolution, Poesie – ich will nicht damit anfangen, zu behaupten, ich wüsste … daher will ich bei den vorgeschlagenen Wörtern verweilen, nämlich indem ich sie gebrauche, einsetze, umsetze, damit sie ausbrechen, ich zu ihnen ausbreche, zu Ihnen sie ausspreche etc. Mag sein, es passiert etwas. Dochdoch, es wird eintreten, das „Passieren“, es wird der Lauf des Gesprächs sein. Soll etwas passieren, soll dieses Wort von „etwas... lesen


Natalie Deewan | Horror vacui, 500 Blatt (1)

Er schreibt was Geist und Feuer hat, beflügelt mit fast Göttlicher Vernunfft, durchwandrend Himmel und Erden, seine Feder mit Wunderberlicher Seltzamkeit anzufüllen. Seine Rede erhebet sich über die alltagsSprache, seine Nachahnung ist von deß Pövels Eitelkeit besondert und klebet nicht an der niedren Erden, sondern schwebet in den hochfreyen Lüfften. (2) Ich sah alle Werke an, die unter der Sonne geschehen; da zeigte sich: Alles ist Nic... lesen


Franziska Bauer | Ja, das Schreiben und das Lesen

Gedanken zu Sinn, Zweck und Kraft des geschriebenen Wortes.

Schriftkundigkeit – wozu? Im UNESCO-Weltbildungsbericht 2013/14 ist nachzulesen, dass es weltweit 781 Millionen Schriftunkundige gibt, darunter 250 Millionen Kinder im Grundschulalter. Somit kann etwa jeder zehnte Mensch auf der Erde nicht richtig lesen und schreiben.(1) Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, ist daneben neuerdings auch eine von vielen ungeniert zugegebene Leseunlust (2) zu beobachten, wie der kanadische Literaturkritike... lesen


klaus ebner | Eine simple Frage

Und der Versuch, wenigstens eine Antwort darauf zu finden.

Wozu schreiben? Zwei banale Worte. Einerseits. Andererseits eine simple Frage, die sich Schreibende, seit sie schreiben (und seit es Schreibende in Menschenkulturen gibt), stellen. Immer wieder und stets aufs Neue. Natürlich geht es um Literatur. Aber geht es um Literatur? Erfunden wurde die Schrift keineswegs, um Geschichten, Epen und Lyrik festzuhalten, sondern um Mengen Mehl, Öl und Wein zu dokumentieren und Kaufleuten ein Instrument für i... lesen


michael helming | Zeit-Schleifen-Schreiben

Oder: Des Autors Handschrift.

Un(ter)bewusst das Tempo anpassen, schalten und überlegen. War das meine Kurve? Eine Linienführung wie dem Hirn eines Kalligrafen entsprungen. Asphalt als Mikroteilchen von Zeichen. Finde endlich, leicht zurückgesetzt, hinter Bäumen, den Anfang. Der Ast hatte das Straßenschild verdeckt. Aber jetzt weiß ich wieder: Das ist der Bogen, hinter dem das Haus steht. Als ich vor über fünfzehn Jahren zuletzt hier war, mäanderte noch eine Chauss... lesen


david wagner | Etwas

Und vielleicht auch etwas mehr.

Ich weiß noch immer nicht, wie es funktioniert. Nachher staune ich immer, dass da etwas steht. Wo vorher nichts war, ist plötzlich ein Text, wo nichts war, gibt es eine Melodie und einen Rhythmus und vielleicht klingt es nicht nur schön, vielleicht wird sogar etwas gesagt? Ich weiß noch immer nicht, wie es funktioniert. Ich schreibe etwas hin, auf Papier, ich höre etwas oder bilde mir ein, etwas zu hören. Ich möchte etwas sagen. Mir fäl... lesen


ana sandjari | Eine Chance, meine Chance?

Schreiben heute - Schreiben in der Zwischenzeit.

Mit vier konnte ich schreiben. Das war 1980. Mit 14 bekam ich eine Olivetti-Schreibmaschine und ein Lernheft dazu. Mein erster Computer war ein rustikales Relikt mit gewölbtem Bildschirm, das von der amerikanischen Militärbasis in Heidelberg ausgelagert wurde. Danach folgte ein theoretisch tragbarer aber unendlich schwerer IBM Thinkpad mit einem kleinen roten Knopf in der Mitte der Tastatur. Das war im Jahr 2000. Ich bin eine von denen dazwis... lesen


manfred ach | Plädoyer für die kleine Form

Sitz, Zeichen, punktgenau!

Das aufmerksame Hören und Sehen haben wir ja weitgehend verlernt, auch das Lesen. Eine verschwindende Kulturtechnik wie das Reiten. Ich möchte trotzdem dazu anregen, Wörter und Buchstaben aufmerksam wahrzunehmen. Bevor uns endgültig das Hören und Sehen vergeht. Das wesentliche Kriterium: Die Texte müssen sehr kurz sein, rasch überschaubar. Wenige Sekunden sollten für den Transfer genügen. Der Inhalt darf nicht zu komplex sein. Lieber... lesen


katharina körting | Flaschenpost

Schneller geht nimmer.

"Hier, während die Datencluster gnadenlos an uns vorüberrauschen, haben wir einen Standort der Literatur neu zu (er-)finden." -Kurt Drawert Schreiben geht von einem hinfälligen Subjekt aus, während der internetvernetzte Rechner aufs perfekte Objekt abzielt. Dies schreibe ich, Subjekt an einem Computer, der mich drängt: Jederzeit könnte (und sollte?) ich Mails checken, auf Facebook gehen, Nachrichtenseiten anklicken oder – sicherheits... lesen


doris claudia mandel | Literatur als Mengenlehre

Oder: Wie demokratisch sind die neuen Vertriebsmöglichkeiten von Literatur.

Über den unzähligen Versuchen, meine Texte den Lektoraten sogenannter Publikumsverlage anzubieten (als ob nicht alle Verlage ein Publikum bräuchten), bin ich alt, grauhaarig und zitterig geworden. Natürlich weiß ich, dass man als eine Schriftstellerin, die von den großen Häusern ernstgenommen werden will, eine Literaturagentur zwischenzuschalten hat, damit die Damen und Herren in den Vorzimmern wissen: Aha, da hat schon jemand gegengelese... lesen


martin gasser | Kritikfähigkeit unbedingt erforderlich

Vom Schreiben über Kunst und Kultur.

Als ich in den frühen Neunzigern auf der geisteswissenschaftlichen Fakultät unterwegs war, wunderte ich mich über manche Prüfungen. Einige Professoren – längst nicht alle natürlich – erweckten den Eindruck, es sei ihnen ein wenig unangenehm, Fragen zu stellen. Im Subtext vermittelte man, dass man so erfreut darüber war, wenn sich junge Leute überhaupt für ein philologisches Orchideenfach interessierten, dass man sie nicht über Geb... lesen


daniel nachbaur | Monströs langweilig

Die Literatur, die Kritik und das Immergleiche.

In den letzten Jahrzehnten wurde die Qualität der Kunst im Allgemeinen und der Literatur im Besonderen vorrangig an einem einzigen Kriterium gemessen: Offenheit. Seit Umberto Eco das Wort in den Sechzigerjahren einführte, wird es synonym mit „Vieldeutigkeit“ verwendet. Das offene Kunstwerk, das ist das vieldeutige Kunstwerk und ein Zusammenhang von Symbolen erhält unter denjenigen, die noch an eine Differenz zwischen Kunst und Alltagswahr... lesen