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katharina körting | Flaschenpost

Schneller geht nimmer.

"Hier, während die Datencluster gnadenlos an uns vorüberrauschen, haben wir einen Standort der Literatur neu zu (er-)finden."
-Kurt Drawert

Schreiben geht von einem hinfälligen Subjekt aus, während der internetvernetzte Rechner aufs perfekte Objekt abzielt. Dies schreibe ich, Subjekt an einem Computer, der mich drängt: Jederzeit könnte (und sollte?) ich Mails checken, auf Facebook gehen, Nachrichtenseiten anklicken oder – sicherheitshalber – recherchieren, was das überhaupt ist, so ein Essay. Der Versuchung widerstehe ich, aber ich muss auch widerstehen. Analog zu „draußen“ nötigt mich das digitale „Drinnen“ auf Schritt und Tritt, „Nein“ zu sagen – ohne dass ich bemerke, welche Bilder und Botschaften mein Gehirn gegen meinen Willen konditionieren: Nein zum schlankmachenden Eis, Nein zum üppigen Busen, der in die Augen fällt, Nein zum Coffee to go, Nein zum Ja-ich-kaufe. Seitdem das Internet in allen Lebensbereichen die Macht übernommen hat, gibt es keinen werbefreien Ort mehr: Es zappelt, zuckt, lockt, ruft ohne Unterlass, fordert meine flüchtige doch ununterbrochene Aufmerksamkeit: Ich soll klicken, kaufen, nicken, (mich) anbieten, weiterleiten, soll mich schicken. Und bin gehalten, mein Innen nach außen zu kehren. Täte ich es nicht, so die in der steten Wiederholung der Aufforderung mitschwingende Mahnung, existierte ich nicht. Weil mich niemand sähe. Als Beweis meiner Existenz soll ich meine privaten Verrichtungen fotografieren, kommentieren – zur Bewertung freigeben – soll mein eigener Bauchladen sein. Stets zum Aufmerksamkeits-Tausch bereit. Kaufkräftig. Unterwegs. Da ich aber am Rechner nicht nur Kundin, Facebook-Freundin und Erwerbstätige bin, sondern auch Schreiberin anderer, eigener Texte, durchwirkt der digitale Raum, seit ich ihn betreten habe, meinen Schreibprozess – als Vereinfachungsmaschine und Störrauschen, das wegzudrücken ermüdet – und vergeblich ist.
Der Soziologe Hartmut Rosa vermutet, dass es nicht folgenlos bleibt, wenn „der größte Teil unserer Weltbeziehungen bildschirmvermittelt und (…) unser Weltverständnis als Ganzes bildschirm-symbolvermittelt geprägt ist“1. Dass die Digitalisierung an meinem Schreiben nicht spurlos vorbeigeht, begann ich vor Jahren zu spüren im Zuge der Erwerbsarbeit als Texterin einer Agentur für Politische Kommunikation. Es gehörte zum Job, sehr viel im Netz unterwegs zu sein. Ich glitt von Klick zu Klick, von Kürzest-Aufmerksamkeit zu Turbo-Information, von Suchmaschinenhäppchen zu Online-Textbausteinchen. Fühlte mich am Rechner immerzu getrieben, Informationen und Texte nicht etwa lesend zu erfassen, sondern so schnell wie möglich zu scannen. Und ich meinte – und fürchte das auch jetzt – das Geschriebene müsse eigentlich schon darstellbar sein, bevor es begonnen ist – eine latente Überforderung, die mich krank machte. Das geschah nicht auf einen Schlag, doch irgendwann konnte ich die schleichende Vergiftung durch tägliche Gaben von digitalis2 nicht mehr ignorieren: Eine lange Weile konnte ich nicht am Computer arbeiten. Es war ein stiller Zusammenbruch, ähnlich existenzbedrohend wie eine Mehlstauballergie für einen Bäcker. Auf dem Nachbeben dieser Erfahrung balanciere ich seither.

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