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Natalie Deewan | Horror vacui, 500 Blatt (1)

Er schreibt was Geist und Feuer hat, beflügelt mit fast Göttlicher Vernunfft, durchwandrend Himmel und Erden, seine Feder mit Wunderberlicher Seltzamkeit anzufüllen. Seine Rede erhebet sich über die alltagsSprache, seine Nachahnung ist von deß Pövels Eitelkeit besondert und klebet nicht an der niedren Erden, sondern schwebet in den hochfreyen Lüfften. (2)
Ich sah alle Werke an, die unter der Sonne geschehen; da zeigte sich: Alles ist Nichtigkeit und Haschen nach Wind. (3)
Die A[nemophilen] ziehen den Wind stets seiner Abwesenheit vor, selbst wenn es sich um den stärksten Sturm handelt. Die A. begrüßen stets alle Veränderungen, selbst wenn es keine Veränderungen zum Besseren sind. (4)
„Unsere Zeiten“ – so stellte Kaspar Stieler fest – „haben einen Ekel an der einfältigen Schreibart und begehren, daß dieselbe etwas ungebräuchliches und prächtiges mit sich führe.“ (5)
Ein wahrer Ch[ronist] würde selbst im stickigsten Zimmer bei geschlossenem Fenster sitzen und niemals den Ventilator einschalten. (6)
C’est une limite à l’intelligence. (7)
The Ladonian language has two words: waaaaaaaaall for everyday use, and the more solemn ÿp. (8)
Quand nous avons monté Cuisine et dépendances, nous avons choisi le théâtre privé, au départ uniquement pour des raisons économiques. J’étais sidérée par le mépris avec lequel les gens du théâtre subventionné nous ont regardés. Mais, de la même façon, je ne supporte pas que le public du privé refuse de venir me voir jouer dans Ivanov, à Nanterre, parce que c’est „intéllo“. Et quand, à la Gaumont, on nous a demandé (9)
„nicht gestalten, sondern die Vorkommnisse und Zustände für sich selbst sprechen lassen“, geht es Röggla darum, das Material gerade durch eine bestimmte Gestaltung zum Reden zu bringen. Klar, das nennt man Literatur. (10)
Clarifiying the nature of the common enemy is thus an essential political task. (11)
Im Gegensatz dazu ist von Menschen wie zum Beispiel Galilei, Yeats oder Hegel (also „Dichtern“ in dem weitgefaßten Sinn, in dem ich das Wort verstehe, nämlich äquivalent mit: „diejenigen, die Dinge neu machen“) nicht zu erwarten, daß sie klarmachen können, was genau sie tun wollen, bevor sie die Sprache entwickeln, in der ihr Vorhaben gelingt. (12)
Es bestehe eine Ungleichzeitigkeit zwischen dem Gegenstand, über den geredet werden soll, und der Art, in der über ihn geredet wird. (13)
Das neue Vokabular macht die Formulierung seines Zweckes erst möglich. (14)
Das Mögliche umfaßt jedoch nicht nur die Träume nervenschwacher Personen, sondern auch die noch nicht erwachten Absichten Gottes. (15)
Über ähnliche Reflexionen kam Fata Morgana zu ihrem berühmten Beweis der Existenz des UHRMACHERS: „Die modernen, vulgären Sprachen“, schrieb sie, „simplifizieren sich mehr und mehr. Je älter eine Sprache, um so komplexer ist sie, da sie eine noch genauere B[eschreibung] der Wirklichkeit anstrebt:“ (16)
in ihr beschreibt er zirka vier seiten lang aufs umständlichste einen gegenstand, den nur kriminalistischer spürsinn als bleistift identifizieren kann. (17)

Dank an:
(1) Gsaller 2000, 50.
(2) Poet, Poeterey, in: Harsdörffer 1653, 377 f.
(3) [Kohelet] 1/14, 718.
(4) Gerasimchuk 1999, 7.
(5) Kaspar Stieler (1634), in: Buck 1972, 53.
(6) Gerasimchuk 1999, 8.
(7) Jean-Pierre Bacri in: Assouline/ Gouslan 2000, 9.
(8) Ladonia o.J., i.
(9) Agnès Jaoui in: Assouline/Gouslan 2000, 9.
(10) steg 2004, A5.
(11) Negri/Hardt 2000/2001, 56.
(12) Rorty 1989,36.
(13) Kramer 1993, 156.
(14) Rorty 1989, 36.
(15) Musil 1970, 16
(16)Grammatikalisches Tempus, in: Gerasimchuk 1999, 10.
(17) Priessnitz 1993b,

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