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jan decker | Hyperrealismus. Ein Bekenntnis

Warum die Stunde der starken Bilder gerade jetzt schlägt.

Wenn ich hier ein literarisches Manifest irgendwo zwischen Gonzo und Klassik vorlege, so verfolge ich damit zwei Ziele. Zum einen möchte ich eine Standortbestimmung meines eigenen Schreibens vornehmen, die reizvoll, aber nicht notwendig ist. Denn die Gesetze des Schreibens vollziehen sich erst im Akt des Schreibens, sie kommen gewissermaßen blind zur Anwendung. Daher gibt es auch keinen Grund, ein literarisches Manifest vorzulegen, außer man möchte Politik betreiben. Andererseits mag es sinnvoll sein, nach einer Vielzahl von Texten einmal innezuhalten und ein Bekenntnis abzulegen. Zunächst vor sich selbst: Was schreibe ich die ganze Zeit? Und dann vor den anderen: Was vermittele ich die ganze Zeit? Eine solche herausgezogene Meta-Botschaft, also die Essenz meines Schreibens, sollen die nachfolgenden Zeilen sein. Zum anderen soll diese Standortbestimmung auch eine Reflexion über die Bedingungen und Möglichkeiten des Schreibens heute sein. Denn es ist kein Vorrecht der Lyriker, über Poetiken nachzudenken und solche vorzulegen. Dieses zweite Ziel formuliert ein Ideal, in dessen Nähe sich mein eigenes Schreiben vielleicht schon bewegt, das aber vielleicht erst noch angepeilt werden muss. Das macht den spielerischen Reiz dieser Standortbestimmung aus.
Was ist nun der Hyperrealismus, jene Spielart der Literatur, die ich hier stärken möchte? Sein Programm lässt sich am besten in ein erzählerisches Bild fassen. Der Mensch ist die Figur in einem Computerspiel mit einer hypnotischen Kulisse aus sich ständig bewegenden Dingen, dessen Programmierer vorerst unauffindbar ist: Gott. Der Hyperrealismus zeigt mit realistischen Mitteln die Welt als Fiktion. Er folgt dabei einem einfachen Prinzip: Zeigen ist unerschöpflich. Das heißt, der
Hyperrealismus entscheidet sich stets für das Überführen eines literarischen Stoffs in ein zugrunde liegendes Bild (oder mehrere solcher Bilder). Er kann dieses Bild am überzeugendsten zeigen, wenn er zwei Prinzipien folgt: Das Bild muss einfach komponiert sein. Und es muss hintergründig strukturiert sein. Dadurch ist der Hyperrealismus eng mit Traum und Film verwandt. Und wie diese kann er eines besonders gut: Bilder selbst in ihrer unerschöpflichen Folge zeigen. In seiner größtmöglichen Zuspitzung führt der Hyperrealismus daher zu den Bilderwelten eines M. C. Escher. Mit seinen Darstellungen unmöglicher Figuren bildete dieser wie kein Zweiter die hypnotische Seite des Computerspiels Welt ab. Allerdings verzichtete M. C. Escher auf eine komplexe Erzählführung, die dem literarischen Hyperrealismus erst eine relevante Kontur verleiht. Denn es geht ihm nicht um eine hypnotisierende Kunstwirkung, sondern um eine frei gestaltbare Kunstwirkung, die sich hypnotisierender Mittel bedient.
Der Hyperrealismus ist die extremste Spielart des Realismus. Und zwar, indem er die prekäre Seite der Realität ins Bewusstsein rückt, jene Momente des extremen Gleichen oder Ungleichen, der eingebildeten oder tatsächlichen Illusion, zwischen Zufall und Vorsehung. Der Film macht hervorragend von diesen Möglichkeiten Gebrauch, weil er eine optische Kunstform ist. Den anderen Kunstformen muss dagegen eine Körper-Impotenz attestiert werden, eine Unfähigkeit, vom Menschen anhand seiner Bewegungen im Raum zu erzählen. Das stilistisch reinste Werk des Hyperrealismus ist dementsprechend ein Film, einer zudem, dessen Drehbuch es mit den stärksten Hervorbringungen der Literatur aufnehmen kann: Wilde Erdbeeren von Ingmar Bergman.

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