schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 31 - schreibkraft Ja, das Schreiben und das Lesen
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/31-schreibkraft/ja-das-schreiben-und-das-lesen

Franziska Bauer | Ja, das Schreiben und das Lesen

Gedanken zu Sinn, Zweck und Kraft des geschriebenen Wortes.

Schriftkundigkeit – wozu? Im UNESCO-Weltbildungsbericht 2013/14 ist nachzulesen, dass es weltweit 781 Millionen Schriftunkundige gibt, darunter 250 Millionen Kinder im Grundschulalter. Somit kann etwa jeder zehnte Mensch auf der Erde nicht richtig lesen und schreiben.(1) Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, ist daneben neuerdings auch eine von vielen ungeniert zugegebene Leseunlust (2) zu beobachten, wie der kanadische Literaturkritiker Alex Good mit Besorgnis konstatiert. Mit Besorgnis deshalb, weil sie nicht nur bei bildungsfernen Schichten, sondern auch bei den – wie er sie bildhaft nennt – „Schatzmeistern der Kultur“ auftritt, also bei Literaturlehrkräften, Jurymitgliedern, Literaturstudierenden, ja sogar bei einigen, die im Bereich der Literaturkritik oder Schriftstellerei tätig sind. Good nennt das Phänomen, wenn Gebildete die Kulturtechnik des Lesens nicht nutzen,„aliteracy“, also freiwillige Leseabstinenz, im Unterschied zur „illiteracy“, dem leider noch immer viel zu weit verbreiteten Analphabetismus. Wo sind die Zeiten, als man sich zur Zielscheibe des Spottes machte, wenn man es wagte, sich seiner Schriftunkundigkeit zu rühmen und sein diesbezügliches Desinteresse zuzugeben? Zum Bühnenerfolg des Zigeunerbarons – diese Operette schuf Johann Strauss Sohn in einem für ihn ungewöhnlich langen, zweijährigen Zeitraum – hat sicher auch die Gestalt des Schweinefürsten Zsupán beigetragen. Zsupán lässt im bekannten Couplet Ja, das Schreiben und das Lesen ungeniert verlauten, dass er diese beiden Fertigkeiten für mehr als verzichtbar hält. Er sei ja schließlich nicht Dichter, sondern Schweinezüchter, wozu also lesen und schreiben können? Diese Ablehnung der Schrift teilt Zsupán mit keinem Geringeren als Platon, der uns in einem fiktiven Dialog zwischen Sokrates und dessen Schüler Phaidros vor einer Kultur der Schriftlichkeit förmlich warnt. Dieser Text thematisiert einen Kernbegriff der Medientheorie, den Begriff des externen Speichers bzw. externen Gedächtnisses, und ist daher paradigmatisch für einen Großteil der Medienkritik bis heute. Platon legt Sokrates eine Geschichte aus dem alten Ägypten in den Mund, in der König Thamos die vom Gott Theut erfundene Schrift mit folgenden Worten zurückweist: "Wer die Schrift gelernt haben wird, in dessen Seele wird zugleich mit ihr viel Vergeßlichkeit (sic!) kommen, denn er wird das Gedächtnis vernachlässigen. Im Vertrauen auf die Schrift werden sich von nun an die Menschen an fremden Zeichen und nicht mehr aus sich selbst erinnern. Theut, du hast ein Mittel für die Erinnerung und nicht für das Gedächtnis gefunden. Theut, du bringst deinen Schülern den Schein einer großen Weisheit und nicht die Wahrheit. Deine Menschen werden jetzt viel, sehr viel lernen, aber alles ohne zugleich darüber eigentlich belehrt zu werden; die Menschen werden dir jetzt viel zu wissen meinen, während sie nichts, nichts wissen. Theut, und du beschwörst uns damit ein lästiges, geschwätziges Geschlecht, ein Geschlecht von Scheinweisen, ein Geschlecht, das kein wahres Wissen mehr hat." (3) Platon hält die Schrift also für ein Medium, welches die Menschen nicht Wissen lehrt, sondern ihnen Wesentliches vorenthält, indem sie das Gedächtnis schwächt und das Vergessen befördert, und er befürchtet, dass es den Menschen zudem an der Fähigkeit gebricht, das niedergeschriebene Wissen kritisch zu reflektieren und es zu hinterfragen. Nicht alles, was aufgeschrieben oder gedruckt wird, stimmt. Dass selbst die Textzuordnung oft problematisch ist, beweist ja schon das Corpus Platonicum selbst, wie man die Gesamtheit der traditionell Platon zugeschriebenen Werke nennt. Neben den aus zwei antiken handschriftlichen Abschriften seiner Werke überlieferten Texten enthält das Corpus nämlich auch Schriften, die unter Platons Namen verbreitet worden waren, aber möglicherweise oder sicher unecht sind. Platon verstarb 347 v. Chr., bis zur gedruckten Gesamtausgabe von Platons Werken im Jahr 1578 in Genf durch den Drucker Henri Estienne war es zwar noch lange hin, aber in Vergessenheit ist Platon bis heute nicht geraten – eben durch die Verschriftlichung seines Lebenswerkes. Dennoch war das, was Platon als Malheur interpretierte, schon lange vor seiner Zeit passiert. Die Anfänge der Schrift lassen sich auf ca. 5500 v. Chr. zurückverfolgen. Man nimmt an, dass die ersten Schriftsysteme in Mesopotamien ihren Anfang nahmen, bezeichnenderweise mit buchhalterischen Aufzeichnungen, dann erst kam das Gilgamesch-Epos. Ausgangspunkt der europäischen Schriften war die griechische Schrift, die um 1000 v. Chr. über Kreta von den Phöniziern übernommen wurde. Über die Etrusker gelangte das griechische Alphabet schließlich auch zu den Römern. Die Summe des Verschriftlichten in Bibliotheken und mittlerweile auch auf elektronischen Datenträgern ist Abbild des Wissens und Bewusstseinsstandes unserer gesamten Spezies. Die Schrift ermöglicht uns kollektives Lernen durch das Niederschreiben von Fakten und individuelles Erfahren durch das Abdrucken, Verbreiten und Lesen von Werken der Dichtkunst. Die Schrift ist die Grundlage jeglicher Zivilisation, denn Wissen ist Macht, und Wissen tradieren bedeutet Ermächtigung derer, die nach uns kommen. Womit wir bei der Schule wären. Denn die Schule ist der Ort, wo man üblicherweise das Lesen und Schreiben erlernt. mehr im Heft. Bibliographische Angaben: (1) https://www.alumniportal-deutschland.org/global-goals/sdg-04-bildung

infografik-analphabetismus-weltweit (2) www.faz.net/aktuell/feuilleton/leseflaute-wer-liest-denn-chon-noch-14943593.html.

Kerstin Holm,26.3.2017, Zugriff vom 11.4.2017 / (3) Platon: Gastmahl/Phaidros/Phaidon. Ins Deutsche übertragen von Rudolf Kassner. Wiesbaden (VMA), 1959, 142 f.