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georg gartlgruber | Karriere kann ein Zufall sein

Wie es kam, was nicht mehr zu erwarten war.

Vor einigen Jahren (wie vielen eigentlich?) habe ich aufgehört aus innerem Antrieb zu schreiben. Davor schrieb ich sehr viel; in Notizblöcke und in Collegeblöcke und in Word, auf Schreibmaschinenpapier und auf Websites. Ich schrieb Romane (alle unveröffentlicht), kürzere und längere Kurzgeschichten, Artikel und Essays und Beiträge zu allerlei Themen von Kultur bis Politik, tippte Interviews, ein paar Gedichte, etwas mehr Lieder, auch pseudowissenschaftliche Abhandlungen, Gedankenstrom-Krimis, baute Kalender und archivierte Gedanken und Listen. Immer wieder schrieb ich auch Briefe und viele Rezensionen, ach wahrscheinlich eintausend Rezensionen oder mehr. Und Kolumnen in unterschiedlichster Form. Ich schrieb sehr viel. Meine selbstgestellte Vorgabe war, so zu schreiben, dass ich es selber gerne lesen würde und auch eine Million fremder Menschen. Anders erschien es mir sinnlos. Das konnte ich in unterschiedlichsten Schreibstilen. Auf akademisches Niveau gehoben entsprechend den Regeln der wissenschaftlichen Propädeutik (Langenbucher et.al, 1986). Voll der Rage eines zornigen, jungen Mannes, den, Alter, die ganzen Hipster in den Innenstadt-Cafés und in den öffentlichen Bussen aufregen, die alle aussehen wie Matrosen oder Holzfäller, mit ihren Vollbärten vor den Hackfressen und bis unters Kinn tätowiert, die aber reden wie Friseusen und den Elektriker rufen müssen, wenn eine Glühbirne durchbrennt, nicht auszuhalten! Auch, wenn auch nicht oft, in dem von Wolf Haas populär gemachten Stil, wo, du hör zu, was ich dir sage, jemand so schreibt, wie die Menschen halt reden, was immer so Ding ist, aber eben auf gut. Oder voller Euphorie des persönlich engagierten Nerds, der etwas Neues entdeckt hat, was dir mit Sicherheit auch gefallen wird, ja muss, und dir das in klaren Worten mitteilt: besorg dir das, das ist die geile heiße Scheiße! Ich entfesselte Diskussionen, streute Gedanken, erregte Gefühle, wollte Ideen verbreiten und Erkenntnisse teilen, unterhalten und aufregen und Dampf ablassen und fesseln und befreien. Naja, den meisten war es wohl egal, aber eine kleine Zeit lang und für ein paar Menschen hat es vielleicht etwas bedeutet. Aber dann ist das Schreiben einfach langsam in mir versickert. Wie eine ungegossene Topfpflanze langsam vertrocknet oder eine Meerenge versandet oder ein Dachstuhl morsch wird. Zuerst sieht man es gar nicht und irgendwann schaut man hin und bemerkt, dass die Veränderung schon stattgefunden hat und irgendwas irgendwie unwiederbringlich dahin ist. Und irgendwann war es egal und vorbei und das war auch gut so. Schuld daran war das Internet und aus dem Internet die gewonnene Erkenntnis, dass irgendwo jemand anderes schon den gleichen Gedanken aufgeschrieben hatte, nur besser formuliert – oder zumindest besser formatiert. Dass man nicht mehr über etwas schreiben muss, wenn man es sich mit einem Mouse-Klick gleich ansehen oder anhören kann. Dass es keinen Sinn macht zu schreiben, was man selber nicht lesen würde. Dass der Aufwand es nicht wert ist. Dass man gar nicht mehr genau sagen kann, was es eigentlich ist. Dass die Ablenkungen Legion sind und man sich ihrer nicht erwehren kann. Dass die Position des reinen Konsumisten – aber eines gelehrten, erfahrenen und einsichtigen Konsumateurs – eine angenehme, leichte Freiheit und Verantwortungslosigkeit gibt. Weil der Zwang, sich festzulegen, wegfällt, weil ja nichts mehr schriftlich festgehalten ist.
Und damit auch nicht mehr nachprüfbar oder von anderen kommentierbar ist. Weil man dann auch geheimen Leidenschaften frönen kann und Kommerz gut finden; man kann Out On The Weekend gut finden oder Mixed Emotions, kriegt ja keiner mehr mit. Und weil man anderes zu tun hat. Und so vergehen ein paar Jahre (wie viele eigentlich?) und man hat aufgehört zu schreiben.

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