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martin gasser | Kritikfähigkeit unbedingt erforderlich

Vom Schreiben über Kunst und Kultur.

Als ich in den frühen Neunzigern auf der geisteswissenschaftlichen Fakultät unterwegs war, wunderte ich mich über manche Prüfungen. Einige Professoren – längst nicht alle natürlich – erweckten den Eindruck, es sei ihnen ein wenig unangenehm, Fragen zu stellen. Im Subtext vermittelte man, dass man so erfreut darüber war, wenn sich junge Leute überhaupt für ein philologisches Orchideenfach interessierten, dass man sie nicht über Gebühr beanspruchen wollte. Man saß gewissermaßen im selben Boot. Was für Studierende übrigens eventuell ein stärker inspirierendes Klima kreiert hat als ein sturer Uni-Darwinismus. Auch wenn meine Erinnerung an diese Zeit wohl etwas vernebelt ist, ist mir dieses Zusammenrücken später wieder begegnet. Es scheint sich auch im Umgang von Kulturjournalisten mit Kulturinstitutionen bzw. Kulturschaffenden breitgemacht zu haben. Eine bisweilen freilich unsachliche, aber im Prinzip unmissverständliche, harte Debatte ist einer grundsätzlichen Sympathie gewichen. Hinter dieser allmählichen Verschiebung des medialen Diskurses steht ein fundamentaler gesellschaftlicher Wandel. Ähnlich wie die Geisteswissenschaften im späten 20. Jahrhundert unter Druck gekommen waren und sich dem Diktat ökonomischer Nützlichkeit und Effizienz unterzuordnen hatten, erging es auch der Kunst. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde Kunst, zumal moderne, eher ideologisch angegriffen, mittlerweile erfolgen Attacken eher von der ökonomischen Seite, als Kosten-Nutzen-Rechnung, samt ihrer berühmten rhetorischen Frage, „ob wir das denn brauchen.“1 Im Zeitalter des von einer geistig intakten Bourgeoisie2 getragenen Elitismus wurde die Notwendigkeit von Kunst und der Berichterstattung darüber nicht ernsthaft infrage gestellt. Unter der neuen ökonomischen Regulatur kamen beide „Seiten“ in einen Legitimationszwang. Die Frage nach Auslastungszahlen auf der einen Seite korrespondiert mit der Frage nach Leserzahlen auf der anderen. Weil sich beide Bereiche deshalb dadurch irgendwie bedrängt und verwandt fühlen, kam es zu einer nicht verabredeten Allianz von zusehends Marginalisierten, die kein Problem wäre, würden dadurch nicht auch automatisch Inhalte weichgespült. Weil man sich und sein Gegenüber als gemeinsam Bedrängte versteht, ist fundamentale Kritik (abgesehen vom allseits beliebten, meist eh risikolosen, konsensfähigen Polit-Bashing) von den Kulturseiten immer stärker verschwunden. Die Ausnahmen davon, die es natürlich weiterhin gibt, fallen in diesem Umfeld stärker auf. Die immer zahlreicheren Medienpartnerschaften (so sinnvoll diese sein mögen) tun im Übrigen nichts dazu, die Situation zu verbessern.

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