schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 31 - schreibkraft Literatur als Mengenlehre
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/31-schreibkraft/literatur-als-mengenlehre

doris claudia mandel | Literatur als Mengenlehre

Oder: Wie demokratisch sind die neuen Vertriebsmöglichkeiten von Literatur.

Über den unzähligen Versuchen, meine Texte den Lektoraten sogenannter Publikumsverlage anzubieten (als ob nicht alle Verlage ein Publikum bräuchten), bin ich alt, grauhaarig und zitterig geworden. Natürlich weiß ich, dass man als eine Schriftstellerin, die von den großen Häusern ernstgenommen werden will, eine Literaturagentur zwischenzuschalten hat, damit die Damen und Herren in den Vorzimmern wissen: Aha, da hat schon jemand gegengelesen und lebt noch. Aber weil immer mehr hoffnungslos überlaufene Literaturagenturen die Schotten dicht machen oder der erschöpften Autorin Berge von Formularen abzwingen, in denen sie darzulegen hat, ob sie gewillt sei, sich bei etwaigen Lesungen als Nachtwächterin zu verkleiden, glaubte ich, mir diesen Umweg ersparen zu können. Also informierte ich mich auf den Webseiten der Verlage, mit welchen Unannehmlichkeiten ich für den Fall, ich schickte ihnen eines meiner Werke per Post, zu rechnen hätte. In den meisten Fällen drohte man mir eine halbjährige Wartezeit an, einmal sogar zwölf Monate. Ich kam mir vor wie eine Strauchdiebin, die vor einem deutschen Gericht der Urteilsverkündung harrt. Sollte ich bis zum Ablauf der Frist keine Antwort erhalten haben, hieß es regelmäßig, käme dies einer Absage gleich. Eines dieser halben Jahre reihte sich ans andere. So kam es, dass ich heute einhundertsiebzig Jahre alt bin.
Zumindest meine Leidensgefährtinnen (der Einfachheit halber gebrauche ich nachfolgend die weibliche Form und schwöre, dass in ihr die Männer mitbedeutet sind) werden nachempfinden können, in welche Verzückung ich geriet, als Ende der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts der Digitaldruck und das Print-on-Demand-Verfahren
importiert wurden, ausnahmsweise einmal nicht aus den USA, wenn ich mich recht erinnere, sondern aus Schweden. Für die von mir zunächst begrüßte Revolution des Buchwesens, die durch diesen Akt ausgelöst wurde, scheint mir ausschlaggebend gewesen zu sein, dass man die neuen Errungenschaften nicht kampflos den alteingesessenen Druckereien überließ. So wurde mit Books on Demand in Norderstedt bei Hamburg ein Unternehmen ins Leben gerufen, das nicht nur als Digitaldruckerei, sondern auch als Verlag (oder besser gesagt: als Distributor) in Erscheinung tritt. Uns bis dahin weitgehend verschmähten Autorinnen war es plötzlich möglich, an den arroganten Vorzimmerhyänen der traditionellen Verlage vorbei im Selbstverlag zu publizieren, zwar nur, indem wir dafür bluteten, aber doch immerhin zu moderaten Preisen. Voraussetzung war allerdings, dass wir die Druckvorlagen am heimischen Computer selbst einzurichten verstanden. Für mich, die ich in der DDR aufgewachsen bin, öffnete sich das Tor zum campus Elysius. Ich hatte die Freiheit zu veröffentlichen und behielt dabei die Kontrolle über das Veröffentlichte. Yeah! Mein erstes Hochgefühl wich jedoch rasch der Ernüchterung. Zum einen schossen Druckkostenzuschuss- und Vanity-Verlage, die aus den rasant sinkenden Produktionskosten, gepaart mit der von Eitelkeit befeuerten Publikationssucht der Autorinnen, ein Versprechen auf hohen Gewinn herauslasen, wie Pilze aus dem Boden, zum anderen probten die saturierten Literaturschaffenden, gewappnet mit Schild und Wehr der Verteidiger einer reinen Hochkultur, den absoluten Boykott. Letztere verordneten, dass Autorinnen, die nicht wenigstens eine Publikation in einem „regulären“ Verlag oder einer „eingeführten“ Literaturzeitschrift vorweisen konnten, ohne dafür in die eigene Geldbörse gegriffen zu haben, weder Mitglied des Schriftstellerverbandes oder eines der Förderkreise der Schriftsteller werden noch an Wettbewerben Schreibender teilnehmen durften. Eine Ächtung wie diese lässt sich nur mit einer – freilich nicht gänzlich unbegründeten – Furcht vor den literarischen Desperados erklären, von denen man fürchtete, dass sie das Abendland überschwemmen würden, sobald der letzte Kretin ungeprüft jedweden Mist drucken lassen könne, den er anderswo nicht losschlug (wobei man „Selfpublisher“ forsch mit „mindere Qualität“ übersetzte).

mehr im Heft