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daniel nachbaur | Monströs langweilig

Die Literatur, die Kritik und das Immergleiche.

In den letzten Jahrzehnten wurde die Qualität der Kunst im Allgemeinen und der Literatur im Besonderen vorrangig an einem einzigen Kriterium gemessen: Offenheit. Seit Umberto Eco das Wort in den Sechzigerjahren einführte, wird es synonym mit „Vieldeutigkeit“ verwendet. Das offene Kunstwerk, das ist das vieldeutige Kunstwerk und ein Zusammenhang von Symbolen erhält unter denjenigen, die noch an eine Differenz zwischen Kunst und Alltagswahrnehmung glauben, nur noch dann dieses Prädikat, wenn es mit Bedeutungsvielfalt in Form von Offenheit reich versehen ist. Das Kunstwerk ist offen, ohne fixierbaren Sinn oder es ist nicht. Das ist der Grundanspruch, den man längst nicht nur im intellektuellen Milieu an das artifizielle Gebilde stellt. Und auch von (geistes-) wissenschaftlichen und essayistischen Darlegungen verlangt man heute eigentlich dasselbe: Was zählt, ist die Zahl der Perspektiven, unter denen ein Sujet erscheint, Wissenschaft hat vor allen Dingen Fragen zu formulieren, die Synthese ist verpönt. Wenn man wissen will, was man im Jahr 2017, im Zeitalter der Digitalisierung, die eine Proliferation der Worte und Bilder und auch Töne über uns gebracht hat, vom Schreiben als intellektueller Praxis erwartet, dann spielt die Sehnsucht nach Offenheit unvermindert eine Schlüsselrolle. Der Begriff bezeichnet immer noch einen selbstverständlichen Erwartungs- und Orientierungshorizont in allen Dingen der Kunst, auch des Schreibens.
„Offen“ bedeutet „unbesetzt“, „offen“ ist, wo es einen Durchgang gibt. Dort, wo etwas offen ist, steht uns nichts im Weg, es ist dort eben ganz einfach Luft und schöne Weite. Wenn wir etwa von einem Text erwarten, dass er offen sei, dann möchten wir, ganz profan gesprochen, dass er Löcher hat, Stellen, an denen er sich nicht geltend macht, nicht verkörpert. An diesen Stellen sollen wir selbst als Leser Platz finden, wir, die Menschen. Unter dem wirklich offenen Gebilde stellt man sich heute natürlich eines vor, das in der Hauptsache, wenn nicht gar ausschließlich, aus Öffnungen bestünde. Die französische Theorie hat es schon vor Jahrzehnten, vorgegeben. Der Text ist „ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur“, er stellt nur noch Zeichen zusammen, die bereits unzählige Male in anderen Zusammenhängen gebraucht wurden. Er ist in allen seinen Teilen ein einziger Durchlass, eine einziges Sinn-Loch, eigentlich gibt es ihn gar nicht: Eine Fata Morgana ist er oder, wie Roland Barthes es auch treffend nannte: ein Phantasma. Er wird durch das gebildet, was wir uns, wenn wir ihn lesen, einzubilden belieben. Wo der Text war, soll ich werden. Aber auch das Ich ist natürlich nur eine flüchtige Spur seiner selbst, das Zitat eines Zitats, kurz: eine in tausend Bedeutungen und Herkünften schillernde Textur. Selbst wenn kaum ein Durchschnittsbürger mit der Radikalität dieser Theorie einverstanden sein dürfte und sie auch im akademischen Umfeld oft genug kritisiert und relativiert worden ist, so hat doch die digitale Vernetzung sie in alltägliche Praxis verwandelt. Das Internet ist, wir wissen es, ein gigantischer Menschheitstext, es ist im alltäglichsten Sinn ein Stück Weltliteratur, an dem wir täglich mitschreiben und das wiederum an uns schreibt, das von uns zitiert wird und das zugleich uns zitiert. Es ist ein Netz aus Eingabeaufforderungen, also Löchern, durch die wir tagtäglich, ob zuhause am Schreibtisch, bei der Arbeit, an der Bushaltestelle, im Wartezimmer oder im Auto, mit immer größerer Gewandtheit einund ausschlüpfen und durch die die Welt unablässig aus uns herausund in uns hineinschlüpft.

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