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helge streit | Warum schreibt einer?

Eine Spurensuche.

Warum schreibt einer? Mit dieser Frage beginnt die Biografie Adalbert Stifters von Wolfgang Matz. Ich las das Buch unmittelbar nach seinem Erscheinen vor zweiundzwanzig Jahren. Das ist auch ziemlich exakt die Zeit meiner ersten eigenen Schreibversuche.
WARUM SCHREIBT EINER?
Wolfang Matz‘ Biografie beginnt vom Ende her. Ein alter Mann sitzt in seinem Geburtshaus, wohin er noch einmal zurückgekehrt ist, am Tisch und schreibt. Schreibend hat er einen Großteil seines Lebens verbracht, schreibend nähert er sich jetzt den letzten Fragen.
Unweigerlich beginne ich wieder in dem Buch zu lesen und ertappe mich dabei, nach Auswegen zu suchen, nach Alternativen, nach jenem Zufall, der diesem Leben eine andere Richtung als die eines Schriftstellers gegeben hätte.
Adalbertus Stifter, Benediktinerpater zu Kremsmünster und als solcher Lehrer der Grammatikalklasse in der Nachfolge von Placidus Hall.
Oder: Stifter, der sein mit Erfolg begonnenes Jusstudium abschließt und eine Beamtenlaufbahn einschlägt.
Vielleicht auch: Stifter, der Maler. Dann gäbe es womöglich auch eine Biografie von ihm. Nach Peter Handke, der einmal bemerkte, Maler würden im Alter oft den Eindruck von zufriedenen Menschen machen, was bei Schriftstellern kaum zu beobachten wäre, hätte diese Biografie auch größere Aussicht gehabt, das Leben eines Menschen zu erzählen, der mit sich ins Reine kam.
Zugegeben, Wolfgang Matz lässt in seiner Biografie wenig Raum für solche Alternativen. Die Frage:
WARUM SCHREIBT EINER?
wird von ihm im Fall Adalbert Stifters eindeutig beantwortet: WEIL ER MUSS.
Stifter schrieb buchstäblich um sein Leben. Am Schluss half auch alles Schreiben nicht mehr und er fuhr sich mit der Rasierklinge durch die Kehle.

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