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Dominik Riedo | Westside Story

Nach einem der vielen freiwilligen Klausurtage in meiner büchervoll-labyrinthischen Schreibklause stand ich letzthin spätabends mit einer Buddel Whisky auf dem Balkon. Und immer, wenn ich einen ganzen Tag lang hinten hinaus auf die sanft abfallenden Hügel mit Wald und Bach gesehen habe, war der Blick auf die andere Seite, mitten ins Neubauquartier, eine Sache, die meinen Kopf, auch ohne Alkohol, leicht überforderte. Aber nach einiger Zeit geschah es doch: Da! Ich verstand die Welt nicht mehr. Am Randgebiet der Stadt, die sich hier zu großen Teilen sehr sichtbetonfarben gibt, war etwas Entscheidendes verändert: Was zwei Jahre lang rot ins Wohnzimmer geleuchtet hatte, der auffällige Schriftzug des Westside-Kaufhauses, leuchtete nun grün. Grün! Hatte ich zu lange aus dem Fenster meiner Schreibwerkstatt auf die Schafe und rustikalen Bauernhäuser gestarrt?
Ich muss vielleicht einfügen, dass ich seit zwei Jahren im Gäbelbachquartier wohne. Diese Hochhäuser, gebaut in den 1960er-Jahren, gehörten lange zu Bern-Bethlehem und waren der letzte Außenposten der Stadt, bevor sie übergeht in Wald, Feld und Weg. Aber nachdem in den letzten zehn Jahren fast rundherum moderne Wohnhäuser hochgezogen wurden, nennt der Volksmund die Gegend heute allgemein Bern West. Und so, nämlich Westside, heißt eben auch das inoffizielle Zentrum des neuen Stadtteils, inzwischen ein weitflächiges, zu großen Teilen am Reißbrett entstandenes „Satellitenquartier“ innerhalb der Bundeshauptstadt,
dessen Verbindungspfade im Schachbrettmuster derart hochtrabend ausgewählte Namen tragen wie Tinguelyweg, Ramuzstraße, Billeweg oder Le-Corbusier Platz, so als wolle der Stadtrandmensch zeigen, dass er auch ganz gebildet sein kann.
Aber zurück zu meiner Rot-grün-Verschiebung: Das erwähnte Zentrum, das Westside, neodeutsch eine Shopping Mall, besitzt nicht nur eine eigene S-Bahn und Tramstation (sowie eine schöne Menge Parkplätze), sondern seinetwegen wurde auch die bestehende Autobahn Hunderte von Metern lang in die Erde verlegt, damit hier überhaupt gebaut werden konnte. Diese Investition, von der Betreiberin des Zentrums, der Migros, kräftig mitfinanziert, sollte sich – wenn schon, denn schon – grad richtig lohnen: Dem Einkaufszentrum ist ein Hotel angeschlossen, ein Altersheim, ein Kino und ein Wasserpark. Also gewissermaßen etwas für jede Lebenslage; da es Schulen sowieso in der Nähe hat und auch ein Spital, fehlt quasi nur noch der Friedhof.
Dafür findet man eine „Begegnungszone“. Sie liegt zwischen neuer Bahnstation und Center und man trifft sie meist so menschenleer an wie im Western High Noon die Hauptstraße zum Zeitpunkt des Duells. Der erste Gedanke beim Anblick ist immer: Wo sind nur all die Menschen? Es zeigt sich also, dass das Verlangen nach fest eingeplanten Aufenthaltsräumen, die auf Papier immer gut tönen, zumindest im hiesigen Agglomerationsquartier nicht groß sein konnte; viel eher spielte sich das wahre Leben für die Teenager, Kinder, Mütter, Pensionierten und die mit den Autos anfahrenden Welschen eben wirklich im Innern ab, wie das schon der Architekt des Westside vorausgesehen hatte: „Westside ist viel mehr als eine bloße Hülle für ein Einkaufszentrum. Es ist ein Raum, um darin zu leben. Hier fühlen sich die Menschen wohl, verbringen eine schöne Zeit. Alltägliche Dinge wie das Einkaufen bekommen dadurch eine ganz neue Qualität und Westside ist eine Destination zum Verweilen.“ – Obwohl es die ersten vier Jahre ganz anders ausgesehen haben muss, wie man sich von Nachbar zu Nachbar erzählt, als noch kaum jemand den Konsumtempel besuchen wollte und man derart heftig um Kundschaft buhlen musste, wie das sonst nur auf dem Land nötig ist.
Das würde spätestens jetzt auch mir widerfahren. Denn plötzlich stand, ebenfalls grün leuchtend, C. G. Jung neben mir auf dem Balkon. War der aus der Flasche gekrochen? Aber mit meinen müden Augen und den arbeitsschweren Händen fragte ich mich schon gar nicht mehr, warum der hier in der Agglo auftauchte und also zu mir sprach: „Ich sage dir, lieg in dein Bett und steh morgen früh auf, wir gehen shoppen …“ – Wer so klare Worte bekommt, zudem noch in der beginnenden Midlife-Crisis und mitten in einer Suche nach dem Sinn des Lebens, der tut, wie man ihn heißt. So schlief ich vor lauter Vorfreude auf diesen von mir zuvor selten und immer nur kurz besuchten Ort hervorragend ein und begab mich am nächsten Tag gleich zur Öffnungszeit munter und mit wachen Sinnen hin zu meiner neuen Bestimmungsstätte.

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