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michael helming | Zeit-Schleifen-Schreiben

Oder: Des Autors Handschrift.

Un(ter)bewusst das Tempo anpassen, schalten und überlegen. War das meine Kurve? Eine Linienführung wie dem Hirn eines Kalligrafen entsprungen. Asphalt als Mikroteilchen von Zeichen. Finde endlich, leicht zurückgesetzt, hinter Bäumen, den Anfang. Der Ast hatte das Straßenschild verdeckt. Aber jetzt weiß ich wieder: Das ist der Bogen, hinter dem das Haus steht. Als ich vor über fünfzehn Jahren zuletzt hier war, mäanderte noch eine Chaussee durch alle Nachbardörfer bis hierher. Nun bilden Neubausiedlung, Gewerbegebiet und Schnellstraße ein dichtes Knäuel um den alten Ortskern.
Auf dem Grundstück sieht alles aus, wie ich es in Erinnerung habe. Natürlich öffnet mir niemand die Tür. Im menschenleeren Haus stehen Kisten und Kartons durcheinander. Ich bin hier, um mir einige Reminiszenzen auszusuchen, wie die Tante sich ausgedrückt hätte. Sie sagte nicht Andenken oder Souvenirs, sie sagte Reminiszenzen. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war das Wort noch gang und gäbe, dann verschwand es sacht und leise, wobei es eigentlich eher für Ideen gestanden hatte, weniger für materielle Dinge. Ich muss an Remittenden denken, an unverkaufte Bücher, die an den Verlag zurückgehen, damit der sie verramschen oder vernichten lassen kann. Es ist zunächst der Klang, erst danach der Sinn, der mein sprachliches Denken steuert. Bei Remittenden bleibt mir am Ende nichts, bei Reminiszenzen dagegen eine Rückschau oder wenigstens der Nachhall von Erinnerung.
Die Tante – streng genommen meine Großtante – hat zeitlebens keinen Text veröffentlicht und dies wohl auch nie in Erwägung gezogen. Aber sie hielt über Jahrzehnte eigenhändig Worte fest, die deshalb jetzt auf Papier konserviert sind. Ihre Haushaltsbücher führte sie beispielsweise so akribisch wie die alten Babylonier ihre Tontafelarchive. Seit August 1948 verzeichnete sie dort alle großen Konsumausgaben. Zwei dicke Bände liegen nun zuoberst auf einem Stapel. Ich fange an zu blättern und beschließe nach wenigen Seiten, sie vor der anstehenden Haushaltsauflösung zu retten. Nebenbei ein arg zersetzendes, ätzendes Wort: Haushaltsauflösung. In einem Zeitungsartikel hat Georg Klein unsere Gesellschaft einmal als Säurestrom moderner Wort- und Bildverwertung bezeichnet und ich argwöhne, besagte Säure frisst – indem sie pausenlos nach Neuem verlangt – mit der Zeit sogar die stabilsten Gegenstände. Vor allem Anschaffungen von Möbeln, Bekleidung und Haushaltswaren sind fixiert. Werte und Wertvorstellungen lassen sich beim Lesen zumindest grob einordnen. Die Währungsreform war kaum gelaufen, da verbuchte meine Tante 11 Mark für den Kauf eines Aluminiumkochtopfes. Als wenig später die DDR gegründet wurde, hatte sie Mantel- und Futterstoff für 80 Mark besorgt, um sich einen Wintermantel zu nähen. Im Juli 1950 wurde die Oder-Neiße-Linie politisch festgeschrieben und die Tante, damals eine junge Frau, erstand einen modischen Füllfederhalter im Wert von 10 Mark. Mit dem machte sie von da an ihre Einträge in königsblau. Bleistiftblass war passé. Im Mai 1955 trat die BRD der NATO bei und meine Großtante vermerkte erstmalig 40 Mark für die Anschaffung von Büchern. Leider werden weder hier noch in späteren Jahren Titel genannt, doch sie dürften unter jenen zu finden sein, die nebenan in der guten Stube im Bücherregal stehen; meist leinengebundene Ausgaben des Aufbau-Verlags mit Klarsicht-Schutzumschlag. Das Regal bezahlte sie am 25. Januar 1958. Am 13. August 1961 wurde die Berliner Mauer gebaut und meine Tante gönnte sich im selben Monat ein blaues Popelinekleid für 60 Mark. Als Stoph und Brandt sich im März 1970 in Erfurt trafen, gab sie 80 Mark für Bücher aus.
Ihre frühen Einträge bleiben für mich abstrakt. Ich verbinde sie allein mit Ereignissen aus dem Geschichtsunterricht, da sie in einer Zeit vor meiner Zeit stattfanden. Das änderte sich kurz nach den Olympischen Spielen 1972. Meine Wenigkeit wurde geboren und die Tante schaffte jene Küchenuhr an, die jetzt so unüberhörbar über meinem Kopf tickt; in der Stille des Hauses scheint sie zu pochen, einen Punkt nach dem anderen in die erfahrbare Welt zu setzen. Meine frühesten Erinnerungen gehen zurück ins Jahr 1977. Da war in der DDR Kaffeekrise und meine Mutter packte der Großtante regelmäßig Pakete „nach drüben“, wie man damals sagte. West-Kaffee kontra Muckefuck. Ich erinnere mich wegen des ulkigen Wortes Muckefuck und auch deshalb, weil sie sich für diese und andere Gaben mit Sachen bedankte, die in der DDR erhältlich waren und die man – wichtig! – auch ausführen durfte; darunter vor allem Kinderbücher, wie Es grüßt dein Bruder Übermut oder Axel und der Maler Sim, die mir zuerst vorgelesen wurden und die ich später als ABC-Schütze selbst las. Für den Monat meiner Einschulung 1979 vermerkt das Haushaltsbuch erneut den Kauf von Büchern und diesmal steht dahinter in Klammern mein Name.

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