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978-0143117568

Kreisen um Thomas Pynchon.


Thomas Pynchon: Die Versteigerung von No. 49.

978-0143117568

rowohlt das neue buch: Reinbek 1973

Rezensiert von: wolfgang pollanz


[ Anm.d.Red.: Folgende Rezension ist aus der Reihe VERGILBT BUT NOT FORGOTTEN ]

Dieses Buch hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Die deutsche Erstausgabe in der legendären Reihe das neue buch (Kleinschreibung!) des Rowohlt-Verlags steht noch immer in meinem Bücherkasten, ist im wahrsten Sinne des Wortes vergilbt und durch die billige Klebeheftung (Taschenbücher wurden und werden natürlich nicht für die Ewigkeit gemacht) ist es auch schon ein wenig zerfallen. Gelesen habe ich das Buch mindestens dreimal, für diesen Artikel habe ich mir dann doch noch einmal eine neue Ausgabe gekauft, die 13. Auflage aus dem Jahr 2016. Soviel zu meiner ganz persönlichen physischen Geschichte von Die Versteigerung von No. 49. Aber es gibt auch noch ein anderes persönliches Narrativ dazu. In meinem allerersten Buch Bewohner der Ebene aus dem Jahr 1989 (ja, ich war damals mit 35 Jahren noch ein sogenannter Jungautor) findet sich eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Verbotenes Land“, der als Motto ein Zitat aus Pynchons Roman vorangestellt ist, in dem es um Erinnerungen, Andeutungen und Wahrheit geht, also genau jene zentralen Dinge, die dieses Buch verhandelt. Dass es mich damals bei der Erstlektüre beeindruckt hat, ist offensichtlich. In jenen Jahren habe ich überhaupt Literatur in jeglicher Form aufgesaugt wie ein Staubsauger, alles gelesen, was ich in die Hände bekam.

Kurz vorher oder nachher, meine Erinnerung ist da etwas ungenau, las ich auch den Roman V. von Pynchon und der, da ist meine Erinnerung wieder sehr genau, hat mich insofern erschüttert, als ich dadurch das Gefühl bekam, ich wolle nie wieder im Leben selbst etwas schreiben, weil ich unmöglich an die Größe dieses Autors herankommen könnte. Verglichen mit diesem Jahrhundertopus ist das Buch, um das es hier geht, zwar nur ein kleines Werk, das noch dazu, gemeinsam mit dem Hippie-Detektiv-Roman Inherent Vice, als eine der leichter lesbaren und am ehesten linear erzählten Arbeiten des Autors gilt, es ist aber dennoch voll von ausufernden Ideen und ständigen Einfällen, die die eigentliche Handlung begleiten. Das hat, weniger in der Sprache als im Erzählduktus, etwas Barockes an sich, das beim Lesen Konzentration braucht und den Autor (und mit ihm den Leser) manchmal abgleiten lässt in kleine Nebenstränge.

Auch in meinem letzten Buch Hasta La Vista, Baby kommt der – für die meisten Leser wohl versteckte – Hinweis auf den Autor und sein Werk schon auf der dritten Seite vor; es ist das Akrostichon W.A.S.T.E., das bei Pynchon für „We Await Silent Tristero’s Empire“ steht, für den Hinweis auf das geheimnisvolle Untergrund-Postnetzwerk, dem die Hauptfigur Oedipa Maas vermeintlich auf der Spur zu sein scheint, bei mir steht es etwas profaner für die Frage „Will Arno Save The World“, was sich auf meine Hauptfigur Arno Weissenegger bezieht, die sich, statt im Bodybuilding Karriere zu machen, als Privatdetektiv durch Santa Monica und Los Angeles schlagen muss. Zusätzlich kommen etwa auch „Sick Dick and The Volkswagens“ vor, die Band aus Pynchons Buch, und in einem Kapitel einmal eine Telefonnummer, die in Wahrheit die ISBN-Nummer der amerikanischen Ausgabe von Inherent Vice ist. All das, solche versteckten Hinweise und Easter Eggs, das Einflechten von fiktiven Songtexten und vieles mehr, das mir beim Schreiben Spaß macht und dem literarisch gebildeten Leser Aha-Effekte bescheren kann, habe ich von Thomas Pynchon gelernt, dem großen amerikanischen Romancier, der immer wieder auch als präsumtiver Nobelpreisträger gehandelt wird. Mit meinem ersten Buch (siehe oben) und meinem bislang jüngsten schließt sich auf diese Weise für mich persönlich der Kreis, das Kreisen um Thomas Pynchon.