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Amena ist ein schöner Name

Franziska Bauer | Amena ist ein schöner Name

Über die mögliche Freude am Lernen.

Darf ich meiner Mama beim Lernen helfen?“ Das Mädchen, das sich an Amena schmiegte, mochte etwa neun Jahre alt sein. Amena hatte ihre kleine Tochter Rubabwe in den Alphakurs mitgebracht. Offenbar befürchtete sie, das Lesen alleine nicht erlernen zu können. „Ja, sicher darfst du. Du hast ja das Lesen und Schreiben schon bei uns in der Schule gelernt?“, fragte ich zurück. Rubabwe nickte.

Die Lerngruppe bestand aus drei schüchtern lächelnden Frauen im Hidschab und neun schwarzhaarigen Männern, die sich bemühten, möglichst würdevoll dreinzuschauen. Sie alle kamen aus Afghanistan. Also eine an sich homogene Gruppe, was mir aber nur bedingt helfen würde, da mein Dari noch sehr rudimentär war. Daher versuchte ich, mich mittels Pantomime und einiger beschrifteter Bildkarten verständlich zu machen.

„Was wir jetzt versuchen, ist, Namensschilder zu basteln!“, sagte ich. „Das hier ist das Namensschild für mich.“ Auf einem v-förmig abgefalteten Schreibkarton hatte ich mein Foto und meinen Namen ausgedruckt. „Ich fotografiere Sie jetzt alle und drucke dann solche Schilder auch für Sie aus, mit Foto und Namen. Die stellen wir dann auf die Tische, damit ich mir Gesichter und Namen schneller merke. Dafür müssen Sie mir aber Ihre Namen sagen. Esm-e schoma tschist?“

Ich hätte aber mein Dari gar nicht erst bemühen müssen, denn Rubabwes helle Kinderstimme hatte mein Anliegen übersetzt, noch ehe ich meinen Fotoapparat ausgepackt hatte. Ich ging von Platz zu Platz, machte jeweils ein Foto und ließ die einzelnen Personen ihre Namen in eine nummerierte Liste eintragen, mehr schlecht als recht, soweit sie es überhaupt schon konnten. Amena hielt mir mit niedergeschlagenen Augen ihre Ausweiskarte hin. „Mama kann noch nicht schreiben“, sagte Rubabwe. „Wirst sehen, am Ende der Stunde schreibt sie ihren Namen“, zwinkerte ich ihr zu.

Ich trat zur Tafel und malte die Zahl 27 auf. „27 Buchstaben hat das deutsche Alphabet. Heute lernen wir die ersten vier.“ Ich hatte kaum ausgesprochen, hatte Rubabwe das Lehrziel schon auf Dari bekanntgegeben.

Sechsundzwanzig Augen blickten mich interessiert an. Die Show konnte beginnen. Ich malte ein großes A an die Tafel. „Das ist das große AAAAAAAAAA“, sprach ich vor, „das sieht doch aus wie eine Leiter, oder? Und das ist das kleine aaaaa. Das sieht aus wie ein Apfel. Und wenn ich einen Apfel essen will, muss ich mit der Leiter auf den Apfelbaum klettern.“ Rubabwe übersetzte, die Mienen erhellten sich. „Sep“, hörte ich, und „zina“. Rubabwe erklärte mir, dass „zina“ Leiter hieße und „sep“ Apfel. Dann gingen auf mein Geheiß alle daran, auf vorgedruckten Handouts eine Zeile blassblauer großer „As“ und eine Zeile blassblauer kleiner „as“ mit Bleistift nachzuziehen. Nachspuren heißt diese Grundschulübung. Dass das von links nach rechts zu geschehen habe, erklärten zwei rote Richtungspfeile und – Rubabwe.

Dann machten wir uns an das M. „M wie Mund. Die Linie der Oberlippe sieht doch aus wie ein M, nicht wahr? „Dahan, Mund heißt auf Dari dahan“, erklärte Rubabwe. Eifriges Nachziehen zweier blassblau ausgedruckter Zeilen mit großen und kleinen „Ms“, während parallel dazu dreizehn Münder leise das M artikulierten.

„Jetzt kommt das E. E wie Ende. Das E hat drei Enden wie eine dreizinkige Gabel. E wie Gabelende also.“ „Tschangol-e acher“, strahlte Rubabwe. Alle griffelten eifrig ihre „Es“.

„Nummer vier ist das N. N wie Nashorn. Kargadan. Im deutschen Wort hören Sie das N am Anfang, im persischen Wort hören Sie es am Schluss. Und der Großbuchstabe sieht aus wie die Hörner eines zweihörnigen Nashorns, so etwa.“ Ich hielt das Bild eines Nashorns hoch, zwischen dessen beide Hörner ich mit dickem Filzstift ein N gemalt hatte. Rubabwe waltete parallel zu meinen szenischen Darstellungsversuchen ihres Übersetzerinnenamtes, während alle anderen zwei Zeilen „Ns“ nachspurten.

„Und jetzt können wir schon ein ganzes Wort schreiben. Jek kaleme. Ein Wort.“ Ich schrieb das Wort „Name“ an die Tafel. „Wer kann das lesen außer Rubabwe, die jetzt bitte nicht vorsagt?“ Rubabwe hielt sich erschrocken den Mund zu.

„Nnnn … Naaa … Nammm … Nameee … NAME?“ Amena sah mich fragend an.

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