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Brennen und frieren für Thomas Kling

Wie kein anderer deutschsprachiger Dichter der Nachkriegszeit hat Thomas Kling eine ganze Generation geprägt.


Thomas Kling: Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Marcel Beyer und Christian Döring.

Brennen und frieren für Thomas Kling

DuMont: Köln 2006

Rezensiert von: beate tröger


[ Anm.d.Red.: Folgende Rezension ist aus der Reihe VERGILBT BUT NOT FORGOTTEN ]

Wenige Tage nach der Anfrage der schreibkraft, ob ich nicht für die kommende Ausgabe über ein vergriffenes Buch schreiben wolle, erreichte mich ein Brief meiner Hausverwaltung: Für 2016 stünde mir eine Heizkostenrückzahlung in Höhe von 394,72 € ins Haus. Was aber hat das eine mit dem anderen zu tun?

Ein Buch, an das ich sofort gedacht hatte, sind die Gesammelten Gedichte 1981 bis 2005 des 1957 geborenen, 2005 verstorbenen Thomas Kling, herausgegeben von Marcel Beyer und Christian Döring. Zum Zeitpunkt, da dieser Text entsteht, ist ein einziges Exemplar zum Preis von 389,90 Euro im Internet erhältlich. Schlägt man Versandkosten in Höhe von 6,95 € (versichert!!!) auf den Preis auf und verrechnet ihn mit der unerwarteten Heizkostenrückzahlung, würde mich der Kauf nur 2,13 € kosten. Dabei liegt ja gerade ein Exemplar vor mir. Aber es gehört mir nicht, der Besitzer hat es mir für diesen Artikel etwas zögerlich ausgeliehen. Ich halte es sehnsüchtig in der Hand. „aber die sprache, aber die sprache, aber die sprache:“ steht auf dem wespenfarbigen, gelb-schwarz-gestreiften Schutzumschlag, der den knapp tausend Seiten umfassenden Band umhüllt.

Wie kein anderer deutschsprachiger Dichter der Nachkriegszeit hat Thomas Kling eine ganze Generation von Autoren und Autorinnen geprägt. Marcel Beyer, Nico Bleutge, Anja Utler sind nur einige, die sich auf Kling berufen. Wie kaum ein anderer hat er die Sprache gedehnt, gebogen, gefeiert, sie ironisch und liebevoll, anarchisch und produktiv als Präzisionshandwerkszeug eingesetzt, hat in Lesungen und Performances, sogenannten „Sprachinstallationen“ (oft gemeinsam mit dem Schlagzeuger und Freund Frank Köllges) „Sprach-Räume mit der Stimme gestaltet, Sprache mit der Stimme der Schrift gestaltet“.

„Die Totalität der Sprache in ein nicht totalitäres Gesamtkunstwerk zu verwandeln“ (Hubert Winkels über Kling), dieses Verfahren charakterisiert sein Werk, man lese nur das erste Gedicht im Sammelband, zugleich Titelgedicht des Einzelbandes erprobung herzstärkender mittel:

nagel gespannt? von der größe / eines (flammenlosen) herzens / eines meerherzens eines echten / herzens von daumennagelgröße; eben / falls von der häkchengröße im / harzmeer, jawohl! und obendrein / (natur des herzens): vom vom da / durchgetropft dadurchgetropftwerden / durch dies umsichtig aufgespannte / vorsichtig dahingehängte meerschweinherz; ja stimmt, muß man gesehn haben / so ein (rankenloses) herz mit häkchen / auf einem stillen laboraltar.

Man muss auch das „gesehn haben“, dieses widerborstige, bitterböse Gedicht über einen Tierversuch, der mutmaßlich die Rettung von Menschenleben zum Ziel hat, dieses widernatürliche, kreatürliche und zärtliche Gedicht, das die Fortschrittsgläubigkeit zugleich preist und verhöhnt, die Perversion ihrer Altäre in ihrer Schönheit und Entsetzlichkeit in Worte fasst, wo im „meerherzen“ der „Meerstern“ anklingt, man denke an das Kirchenlied: „Meerstern, ich dich grüße, O Maria hilf! / Mutter Gottes süße, O Maria hilf! / Maria hilf uns allen aus unsrer tiefen Not!“ Und man sehe, wie Kling das inbrünstige Lied ins Gedicht holt, weil der Mensch ja leben will.

Und dann kann man staunend und ergriffen weiterblättern, das nächste Gedicht, „fleisch 1“, mit seinen Hamlet-Anspielungen lesen, besser gesagt: man könnte. Denn der Band ist ja vergriffen. Das ist ein Skandal. Klings Lyrik ist groß und soll zugänglich sein. Es ist ein Skandal, der dazu zwingt, mühsam Einzelausgaben der Gedichtbände zusammenzuklauben, ein Skandal, der die Nachgeborenen des Frühverstorbenen davon abhält, Klings Gedichte in einem Band zu lesen, darunter das sehnsüchtig-scharfsinnig-sprachverliebte „Über das Bildfinden II“ aus dem vor Klings Tod entstandenen Einzelband auswertung der flugdaten: „aber die sprache, / aber die sprache, / aber die sprache: // dies ständige, ständige, / vollständige fragment“.

Ob ich der Milchmädchenrechnung auf den Leim gehe und das Exemplar bestelle? Bei unvorhergesehenen finanziellen Schwierigkeiten und im Falle eines Kälteeinbruchs könnte ich mir ja kurz die Hände daran wärmen, indem ich, quasi in Form einer „Gebrannten Performance“ (so der Titel des 2015 erschienenen Hörwerks von Thomas Kling), es verfeuere. Aber Bücher verbrennt man nicht, man brennt oder friert für sie. Dieses ist es wert.