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Das Aufbewahrte

timo brandt | Das Aufbewahrte

Solange wir ein Buch aufschlagen und zuhören, gibt es noch etwas.

Über meiner Bettcouch ist ein Licht angebracht worden, damit ich nur an der Schnur zu ziehen brauche, wenn nachts geschossen wird. Im Augenblick geht das aber nicht, da unser Fenster Tag und Nacht spaltbreit geöffnet ist. […] Mit Vater bin ich jetzt damit beschäftigt, einen Stammbaum seiner Familie zu machen, und dabei erzählt er etwas von jedem. […] Als ich neulich etwas über Frau van Daan schrieb, kam sie gerade ins Zimmer. Klapp, Buch zu. „Na, Anne, darf ich mal schauen?“ „Nein, Frau van Daan.“ „Nur die letzte Seite?“ „Nein, auch die nicht, Frau van Daan.“ Ich bekam einen Mordsschreck, denn gerade auf dieser Seite war sie schlecht weggekommen. So passiert jeden Tag was, aber ich bin zu faul und müde, um alles.

Montag, 21. Dezember 1942

In den niederländischen Literaturlexika hat jede/r zweit- und drittklassige Romanautor*in mehr Text als sie, wie Harry Mulisch feststellte. Es wäre vermessen, sich hinzustellen und zu behaupten, dass dies eine Schande ist, die unbedingt aus der Welt geschafft werden muss. Die Zahl Ihrer Leser*innen hat längst gezeigt, was keine Literaturwissenschaft mehr zu beweisen braucht. Ihr Buch ist einer der größten Bestseller aller Zeiten – und doch keine Trivialliteratur, kein Roman, keine Biographie, kein ins Ohr gehendes Gedicht.

Auf den ersten Blick steht dieses Phänomen im Zusammenhang mit der Wahrheit und dem Tod. Wir wissen, dass keine Zeile in diesem Buch nicht der Wahrheit entspricht; es sind Aufzeichnungen, die die Tatsachen festhalten sollen, es ist niedergeschriebenes Leben. Und wir wissen, dass am Ende der Tod steht, dass er die Aufzeichnungen beenden wird, drei Tage nach dem letzten geschriebenen Satz; ein früher Tod, ein gewaltsamer. Es sind der Tod und die Wahrheit, die wir vor Augen haben. Und doch: das Leben, das Belebte, unentwegt. Wir sehen, wie die Autorin immer scharfsinniger zu beurteilen vermag, was passiert; wie ihre Wünsche und Träume Gestalt annehmen. Fast alles in ihren Aufzeichnungen ist Interaktion mit ihrer Umwelt. Wir merken, wie das Schreiben beginnt, Teil einer Entwicklung zu werden, einer Entwicklung, die zu einer eigenständigen Dynamik hätte werden können. Sie war dabei, eine Schriftstellerin zu werden.

Wenn sie überlebt hätte, wäre sie jetzt 88. Bestimmt hätte sie einen Roman oder einen Bericht über ihre Zeit im Versteck geschrieben – und hätte ihre Tagebücher als Quelle verwendet, aber sie wären vermutlich nicht veröffentlicht worden. Obgleich sie ein literarisches Dokument sind, denn die Autorin bewies früh literarische Instinkte und statt einfach nur lose Tagebuchnotizform zu verfassen, wandte sie einen uralten literarischen Kniff an, indem sie ihre Zeilen an eine Freundin, Kitty, adressierte. Kitty ist das Tagebuch selbst, aber trotzdem ist es, als stände da jemand außerhalb, außerhalb der Welt, in der sie gerade leben muss. Jemand, der bei ihr ist und doch nicht bei ihr ist und bei dem alles, was geschrieben ist, sicher verwahrt bleibt.

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