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Der Kleinverleger

martin stein | Der Kleinverleger

Über einen Beruf, der schon abwertend klingt

„Schreiben Sie doch mal einen Text über Kleinverleger.“ Immer gerne, kein Ding, hat man ja quasi eh schon so gut wie fertig ausformuliert im Hinterstübchen.
„Schreiben Sie doch mal einen Text über Kleinverleger. Vermeiden sie dabei die Begriffe Gewinnerzielungsabsicht, Selbstausbeutung, Establishment und Mainstream.“ Schon wird’s anstrengend.
Aber bevor man mühsam im Synonym-Wörterbuch herumblättert und auf das Benutzerhandbuch des variantenreichen Stadionreporters zurückgreift („jetzt stürmt die Werkself … die Schwarzroten
… die Linksrheinischen … die Müller-Truppe … die gescheckten Murmeltiere …), kann man sich auch gleich seinem Schicksal ergeben und diesen Begriffen, die mit dem Kleinverlag verschweißt sind wie das Finstre mit der Nacht und die Tragik mit dem Unfall, vielleicht ein wenig auf den Grund gehen.
„Selbstausbeutung“ ist der Favorit. Schier unmöglich, ohne dieses grenzpoetische Kompositum mit seinem Anklang des edlen Opfers im Dienst der guten Sache auszukommen. Bei einer Laudatio zum Thema: unter zwei Minuten, bis der Begriff fällt, meiner Schätzung nach.
Das ist natürlich einerseits selbsterklärend: Wenn ein Kleinverlag einen Haufen Geld macht, ist er in der Regel seiner Kleinheit schnell entwachsen. Dann wird der Gummibaum im Büro durch einen Feng-Shui-Strauch und der alte Toyota endlich durch einen Tesla ersetzt, außerdem bei der Buchmesse ein größerer Stand in einer anderen Halle gebucht.
Natürlich kommen die wenigsten Kleinverleger in diese Verlegenheit.
Eines hat sich bei der Kleinverlegerei wohl nie geändert und bleibt die traurige Konstante einer volatilen Welt: So gut wie alle zahlen drauf, zumindest monetär. Kein Mensch verdient irgendwas (gut, stark verallgemeinert, aber im Grunde …). Manche haben einen Brotberuf nebenbei (nebenbei, genau), andere schießen aus anderen Quellen finanziell zu, wieder andere haben ihren Lebensstandard auf ein Maß reduziert, das jedem indischen Berufsasketen die Tränen in die Augen treiben dürfte.
Selbstausbeutung.
Wobei sich das ja jeder selbst ausgesucht hat. Und kaum einer sich in dieser Sparte bewegt, weil er irgendwann der festen Überzeugung war, damit einen schnellen Weg zum Reichtum gefunden zu haben.
Womit wir bei der Gewinnerzielungsabsicht sind. Im deutschen Finanzwesen wird damit eine Grundvoraussetzung der Betriebsführung bezeichnet. Ohne Gewinnerzielungsabsicht kein Betrieb. Aber klar, logo, schließlich hat doch jeder die Absicht, Gewinne zu erzielen, möchte man meinen. Allerdings ist das mit dem Gewinn nicht anders als mit dem Geschlechtsverkehr: Der pure Wunsch nach Sex ist noch kein Garant dafür, tatsächlich welchen zu bekommen. Und wenn man nun lange genug keinen Gewinn erzielt hat, spricht einem das Finanzamt dann auch gerne rundherum die Absicht ab, einen solchen zu erzielen. Was, wenn man im Bild der Körperlichkeit bleibt, eigentlich ziemlich gemein ist: Da kommt jemand möglicherweise jahrelang nicht zum Schuss, und dann wird ihm auch noch an den Kopf geworfen, dass er es halt nicht wirklich gewollt hat. Das muss man erst mal verdauen.

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