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 Der Schulbuchleser

dirk werner | Der Schulbuchleser

Eine verbesserbare Einladung zum Wissenserwerb

Wie sehr hat es ihm Spaß bereitet, das Buch unter Stapeln von anderen Büchern hervorzuziehen. Wie viel Entzücken und Neugier waren da gleich in ihm: Er wollte es aber nicht mitnehmen. Er wollte nur einen Blick hineinwerfen. Aber – ist es die Wahrheit, das hier so hinzuschreiben? Hatte er nicht von Anfang an ein Buch aus dem zweirädrigen Wagen hervorziehen wollen, das dann ganz einfach das seine werden würde, und war letztlich nicht das Schulbuch das einzige unter den anderen Büchern, das diesmal allein dafür in Frage kam?

Das Lehrbuch heißt übrigens „Sichtweisen“ und – etwas kleiner – „Epochen“, und sein vorderes Äußeres ist von einem Foto von Karl Bloßfeldt geschmückt. Wer hätte das gedacht, dass auf diese Art ein Schulbuch gewürdigt werden könnte! Mit dem Namen Karl Bloßfeldt verbindet sich sofort die Erinnerung an die künstlerisch-sachliche-dokumentarisch-besondere Fotografie von Pflanzen und deren Details in höchster lichtbildnerischer Qualität. Und senkrecht steht da noch auf dem Buchdeckel, viel kleiner und am Rand, „Deutsch Oberstufe“.

Ein Lehrbuch also, für Jugendliche. Des Mannes, der es hervorzog, Kritikpunkt schlechthin an diesem Buch: Kann man mit dessen Inhalten Jugendliche locken, heranziehen – begeistern? – Ja, man kann, man könnte. Mit der Begeisterung eines begeisterten und begeisternden Deutschlehrers, der das Vertrauen der jungen Menschen erwirbt. Ja, man könnte.


Es ist wohl so, dass ihn dieses Schulbuch auf die Vergangenheit verweist. Es ist wohl so, dass das Buch ihn auf die Vergangenheit seiner Generation hinweist, doch nicht nur auf die Vergangenheit seiner Generation, sondern auch noch auf die Vergangenheit und Gegenwart von Menschen seiner Interessensphäre. Wenn hier beispielsweise Brecht auf Seite 114 Georg Lukács zu Leibe rückt, so dürfte letzterer Name nicht mehr allzu vielen Heutigen etwas sagen … Oder nur eben einigen darauf Spezialisierten. Ihm aber ruft der Name einen Teil seiner persönlichen Vergangenheit auf. Er war damals zwanzig, und zwei Bände mit Aufsätzen und Reden Georg Lukács‘ standen im Regal des Künstlers, den er damals sehr bewunderte. Es war nicht nur die damalige Vater-Sohn-Beziehung, die er eingegangen war, nein, es ist seine eigene, persönliche, frühe Vergangenheit, die mit diesem Namen plötzlich wieder da ist. Und das Ganze, ohne dass er auch nur einen einzigen Text von Georg Lukács gelesen hätte! Und – soll er es leugnen? – er schleppt diese Vergangenheit noch immer wie ein Heiliges vor sich her. Sie leuchtete in einem Augenblick nach der Bekanntschaft mit diesem Schulbuch so sehr in ihm, weil er voller heller Freude war, sich zu erinnern.

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