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Dichterleuchten

bernhard horwatitsch | Dichterleuchten

Um zu lesen, braucht man Licht.

München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und leichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten, schönen Junitags.

- Thomas Mann, Gladius die

Wir lesen

Romane sind Zeitmaschinen. So wie der im Vorabdruck in der Zeitschrift Forum erstmals 1964 erschienene DDR-Roman Die Aula von Hermann Kant. Der Roman eröffnet einen Erfahrungshorizont der Frühgeschichte der DDR, wie zum Beispiel in dem knappen Absatz über eigentliches und uneigentliches Denken. Der Ich-Erzähler Robert Iswall ist ein DDR-Journalist und soll eine Abschiedsrede formulieren zur endgültigen Schließung der Arbeiter- und Bauernfakultät, an der er selbst einst studierte. Dann überredet er seinen Redakteur, über die Arbeiter- und Bauernfakultät eine Serie für die Zeitung zu machen. Der Redakteur stimmt dem zu und Robert Iswall freut sich, dass er nun „zwei Fliegen mit einer Klappe“ schlagen könnte. Doch dann stockt er und lässt sich darüber aus, dass er falsch gedacht habe, weil er Eigennutz und Tätigkeit zusammenbrachte. Dazu erwähnt er die Einlassungen eines gewissen Klabunde, der den „revisionistischen Gehalt der ‚neuartigen‘ Losung vom Eigentlichen und Uneigentlichen“ offenlegte. Die Begriffe aus Heideggers Sein und Zeit werden hier zur politischen Selbstzensur, indem das „Un-“ in dem Wort ‚uneigentlich‘ bei jeder Art Denken mitgedacht wird, als ein Immer-schon-in-der-Welt-Sein. So wird „eigentliches Denken“ zum Inbegriff revisionistischer Bourgeoisie. Weil eigentlich ist mein Denken immer uneigentlich. Um das zu verstehen, musste ich zwischenzeitlich eine Internetsuchmaschine betätigen. Zuerst stieß ich auf bestimmte und unbestimmte Integrale. Kurzzeitig wurde ich von Riemann-Gleichungen aufgehalten, ehe ich schließlich auf eine Erklärung der entscheidenden Passagen aus Heideggers Sein und Zeit stieß. Aber vielleicht habe ich mir aus all dem doch nur einen Reim gemacht und unabsichtlich alternative Fakten geschaffen. Die Maschine infiltrierte mein Denken.

Weitere Ergebnisse der Zeitmaschine aus dem Jahr 1964 sind Namen, die heute kaum noch für Inhalte sorgen, wie A. S. Makarenko, einer der wichtigsten Reformpädagogen des revolutionären Russlands, oder M. W. Lomonossow, ein russischer Sprachreformer (ein russischer Gottsched quasi) aus dem 18. Jahrhundert, oder Trofim Dissowitsch Lyssenko, der unter Stalin Bodenreformen versuchte und dem schließlich Wissenschaftsfälschung nachgewiesen wurde und der schon zu Lebzeiten widerlegte Theorien vertrat, wie zum Beispiel über den angeblich dominanten Einfluss der Umwelt auf die Genetik.

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