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Die Leserin

lisa ndokwu | Die Leserin

Welt erlesen ist eine Alternative

Die Autorin Ama Ata Aidoo wendet sich zu Beginn ihres Romans Die Zweitfrau mit einem Geständnis an ihre Leserinnen und Leser: „Vor einigen Jahren, als ich ein klein bisschen älter war, […]“. Ama Ata Aidoo schreibt so poetisch, wie ihr Name klingt, und liest sich so leicht und so schwer, wie ihr Geständnis widersprüchlich ist. Sie ist eine der wenigen Schreibenden, die eine direkte Botschaft an ihr Lesepublikum richten

Vor etwa zwanzig Jahren habe ich dieses Buch gelesen. Wenn ich jetzt darin blättere, sehe ich, dass ich viele Passagen des Buches, die mir offenbar wichtig erschienen, mit Bleistift unterstrichen habe. Rufzeichen, Doppelrufzeichen und Fragezeichen am Ende der Zeilen. Die vielen Fragezeichen erinnern mich an die unglaubliche Geschichte. Eine gebildete Frau beschließt, die Zweitfrau eines Mannes zu werden. Es ist eine Liebesgeschichte, genau das, was Ama Ata Aidoo nie schreiben wollte, wie sie in ihrem Eingangsstatement an die Lesenden ausführt.

Wann sich meine Vorliebe für Post-its zur Kennzeichnung von mir wichtig erscheinenden Sätzen oder Worten entwickelt hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Der Preis der Freiheit von Ttsitsi Dangarembga habe ich etwa zur selben Zeit gelesen. In diesem Buch kleben immer noch Post-its. Über die Geschichte eines Mädchens, das das Lesen entdeckt und durch Bildung aus der Enge der dörflichen Struktur entkommt, hat Doris Lessing gemeint, das Buch sei schwer aus der Hand zu legen. In einer Hand ein Buch, in der anderen den Kochlöffel, so erinnern sich meine Kinder an mich. In manchen Situationen ist diese Beschreibung schmeichelhaft, in anderen weniger.

Im "Preis der Freiheit" findet sich am Ende eine Notiz: „Beruf: Leserin, sagt D., Oktober 1997.“ Als die Kindergartenpädagogin meines Sohnes mich um ein Gespräch unter vier Augen bat, hatte ich auf dem Weg ins Büro sämtliche Unfallszenarien und sonstige Katastrophen abgerufen. Und als sie mich schließlich nach meinem Beruf fragte, war ich erleichtert und wusste trotzdem nicht, was ich antworten sollte. Ich war prekär beschäftigt. Sie aber wollte genau wissen, was nun der Beruf der Leserin sei. Denn sie selbst lese gern und viel, ließ sie mich wissen. Sie sei auch interessiert, eine Leserin zu werden. Mein Kind hatte mit großer Sicherheit und Überzeugung den Beruf der Leserin für mich kreiert. Aus seinem Blickwinkel war das logisch und konsequent. Schließlich erlebte er mich in vielen Lebenslagen lesend.

Die Geschichte erzähle ich gern, wenn ich nach meiner ehrenamtlichen Tätigkeit gefragt werde. Seit einigen Jahren rezensiere ich afrikanische Literatur für ein Online-Magazin. Ein unglücklich formulierter Pressetext und meine Leidenschaft für das Lesen haben dazu geführt, dass ich mein Lesen letztendlich als Profession betrachten kann. In vielen Erzählungen über das Rezensieren blende ich aus, dass ich bereits davor Erfahrungen mit dem professionellen Lesen hatte.

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