schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 32 - durchlesen Eine Art Freiheit
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/32-durchlesen/eine-art-freiheit

Eine Art Freiheit

birgit mattausch | Eine Art Freiheit

Dazwischen, genauer gesagt daneben.

Anfang der Achtziger – ich studierte gerade eine afrikanische Sprache, zu deren Sprechern uns private Kontakte untersagt waren und in deren Land ich wegen Parteilosigkeit nicht reisen durfte – stellten Gäste aus dem Westen die Frage, ob wir es nicht für schizophren hielten, am Frühstückstisch in Leipzig-Gohlis zu sitzen, aus dem Fenster zu schauen und dabei Nachrichten und Wetterbericht aus dem Ruhrpott oder dem Schwarzwald zu hören. Die beiden waren Studenten aus Kiel, Zufallsbekannte, die mich in Budapest um eine Einladung gebeten hatten, was damals üblich war, wenn man ohne Verwandte oder Freunde an ein DDRVisum kommen wollte. Über das Thema der geographisch oder systembedingten Schizophrenie entspann sich keine weitere Diskussion, weil uns das Gespür dafür fehlte und wir die Frage rundweg verneinten. Wir hielten es ja auch nicht für schizophren, Musik von Mikis Teodorakis zu hören, Gedichte von Ernesto Cardenal oder Jannis Ritsos zu lesen. Jede Geschichte, jede Musik aus der Welt hinter irgendwelchen Grenzen ist schließlich ein Teil unserer eigenen Vorstellungswelten: „Heimatländer der Phantasie“ (imaginary homelands), wie Salman Rushdie solche Landschaften einmal genannt hat, die wir zeitlebens in uns tragen – auch ohne in aller Welt herumzureisen.

Rückblickend betrachtet, vollzog sich unser Alltag allerdings in einem routinierten Dazwischen, genauer gesagt Daneben, das einem Außenstehenden durchaus schizophren vorkommen konnte: zwischen Blauhemd und Kirche, zwischen Abrissbude, Hörsaal und Kaffehauswiderstand. Durch Republikflucht oder Wende kam manchen dieses gewohnte Terrain abhanden, die Räume des Durchlavierens, des gemütlichen Dagegenseins. Auch die unbestimmten Sehnsuchtsorte lösten sich auf, je bestimmter sie wurden. Nicht nur hinter Mauern, sondern offenbar auch, wenn Grenzen, Länder und Orte verschwinden oder wenn sie allseits durchforstet und verfügbar werden, was einem Verschwinden gleichkommt, gewinnt die Reisefreiheit der Gedanken wieder an Bedeutung. Heimatländer der Phantasie gedeihen gut an verschwundenen und erfundenen Orten: als Erinnerung, als Utopie, als Eigensinn.

Die poetische Seite der Dinge

„Ich glaube, dass jeder Mensch in sich ein paar Landschaften trägt. Und er sieht nur das, was er kennt (…). Ich glaube, man reist überhaupt nicht. Man erinnert sich nur und vergißt“, schrieb Béla Balázs. Ein schöner und auf seine ruhige Art tröstlicher Gedanke. Balázs, ein ungarischer Dichter und Emigrant, übte in Wien einen Brotberuf als Journalist und Filmkritiker aus. Als Poet gelang es ihm sogar, künstlerische Freiheit mit der Theorie zu versöhnen – denn diese sei eine Landkarte für den Künstler, die ihm die weiten Perspektiven der Freiheit eröffne. „Warum also das Mißtrauen gegen die Theorie?“, fragt er den Leser. „Sie muß gar nicht stimmen, um große Werke zu inspirieren. Fast alle großen Entdeckungen der Menschheit gingen von einer falschen Hypothese aus.“

mehr im Heft